Arzneien lindern kaum Beschwerden oder sie rufen weitere hervor - das kann passieren, wenn Kinder wie kleine Erwachsene behandelt werden. Wie oft kommt das vor und was steht Arzneimittel-Studien für Kinder im Weg?
Knapp 60 Prozent: das ist derzeit die Corona-Durchimpfungsrate unter 1,2 Millionen Steirern, bei den unter Elfjährigen liegt sie nur bei vier Prozent. Beim Covid-Impfstoff wird sichtbar, was auch anderswo der Fall ist: viele Medikamente sind oft nur für Erwachsene getestet, nicht aber für Kinder.
Kann das halb so schwere Kind nicht einfach die halbe Tablette nehmen? „Man kann nicht so einfach rückrechnen“, sagt Ruth Ladenstein, Geschäftsführerin der Organisation Kinderarzneiforschung (Okids). „Der Körper von Kindern setzt sich anders zusammen, Medikamente werden anders verstoffwechselt.“ Erschwerend kommt hinzu, dass Neugeborene sich körperlich enorm von Teenagern unterscheiden. Die Gefahr: „Sind Arzneien unterdosiert, wirken sie zu wenig, überdosiert können akute Nebenwirkungen auftreten.“
Medikamente werden nur auf eine Krankheit hin entwickelt. Oft müssen sie aber auch woanders eingesetzt werden – da kommt es dann zum Off-Label-Use.
Ruth Ladenstein, Okids-Geschäftsführerin
Studien fehlen vielfach
Das ist auch der Grund, warum Medikamente überhaupt getestet werden: Langwierige Studien garantieren, dass Medikamente helfen und nicht schaden. Für Kinder fehlen diese vielfach; oft müssen Arzneien dennoch verwendet werden („Off-Label-Use“), da sie für spezielle Altersgruppen nicht geprüft wurden und schlicht der Bedarf besteht: „In der Neugeborenen-Medizin ist das bei bis zu 90 Prozent so, in der Onkologie bei bis zu 80 Prozent“, sagt die Ärztin. Auch in anderen Bereichen der Kinderheilkunde trifft dies bei über 50 Prozent der Medikamente zu.
Studien sind aufwändiger und teurer
Dass Studien für den Nachwuchs fehlen, liegt zum Teil daran, dass sie aufwändiger sind. Bei den Kleinsten muss genau geplant werden, wie Medikamente verabreicht und wie Untersuchungen gemacht werden. „Zudem sind gewisse Krankheitsbilder bei Kindern viel seltener.“ Stärker betroffene Erwachsene zählen daher zu den größeren Abnehmern, bei Kindern fehle demnach der wirtschaftliche Anreiz.
Dennoch hat sich in den letzten 15 Jahren einiges getan – die EU-Verordnung über Kinderarzneimittel brachte strengere Regulierungen. Firmen müssen seither bei neuen Arzneimitteln früh prüfen, ob und wie jene bei Kindern angewendet werden. Auch Medikamente am Markt werden regelmäßig überprüft. Stellen sie sich als zu risikoreich heraus, kann eine Zulassung auch wieder aufgehoben werden.
Novelle soll Besserung für Kinder bringen
Weitere Besserung soll eine Novelle der aktuellen Verordnung bringen: Medikamente sollen mehr auf ihre Wirkung hin entwickelt werden, nicht nach Krankheitsbildern. Dadurch erhofft man sich, dass mehr Medikamente für unter 18-Jährige geprüft werden. Das könnte den „Off-Label-Use“ in der Onkologie um 20 Prozent senken. Generell soll Kindern so eine bessere und schnellere Behandlung ermöglicht werden.
Da dieser Artikel älter als 18 Monate ist, ist zum jetzigen Zeitpunkt kein Kommentieren mehr möglich.
Wir laden Sie ein, bei einer aktuelleren themenrelevanten Story mitzudiskutieren: Themenübersicht.
Bei Fragen können Sie sich gern an das Community-Team per Mail an forum@krone.at wenden.