08.05.2022 17:00 |

„Notstand“ in Tirol

Keine Schafscherer: Jetzt muss Flachländerin ran

Die Schafzucht sicherte jahrhundertelang Existenzen bis in die hintersten Täler. Nun scheint allein schon die Schur der Tiere ein Problem zu sein. Ausgerechnet eine Frau aus Holland packt gegen den „Notstand“ an. Einst hat sie in Amsterdam Mode-Marketing studiert, doch viel dringender wird Elvie Rienstra bei Tirols Schafbauern gebraucht.

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Wenn die Frau mit der ungewöhnlichen Berufung auftaucht, erwarten sie freudige Gesichter: Der Bauer ist erleichtert, weil er nicht selten vergebliche Telefonate bei der Suche nach einem Schafscherer geführt hat. Die Bäuerin hat schon Tage zuvor nach der Lieblingsspeise gefragt und die Kinder schauen gespannt über die Schulter, wenn das Wollkleid zu Boden fällt.

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Ja, ich darf in einer Idylle arbeiten und mir wird auch noch der rote Teppich ausgerollt.

Elvie Rienstra

„Ja, ich darf in einer Idylle arbeiten und mir wird auch noch der rote Teppich ausgerollt“, strahlt die 42-Jährige mit den roten Zöpfen. Doch es ist ein echter Knochenjob, bei dem irgendwann alle Körperteile leiden. „Mein Kreuz hält noch durch, aber die Handgelenke schmerzen oftmals“, verrät die einzige (!) professionelle Schafschererin Tirols.

Beim „Krone“-Termin sind 21 Schafe dran, die Hobbybauer Sebastian Dollinger auf einem idyllischen Fleck oberhalb von Bruck am Ziller hält. „Ich will meine Schafe doch nicht verletzen“, antwortet er auf die Frage, warum er das Scheren nicht selbst erledigt. So geht es vielen Landwirten. Es fehlen das Know-how, die Geräte samt dem richtigen Schliff und im Nebenerwerb schlicht die Zeit.

„Scher-Legende“ in Bar in Alpbach kennengelernt
Wie Elvie als Amsterdamer Stadtkind dazu kam? Mit dem Studium des Mode-Marketings und nach einem Job bei einem New Yorker Konzertveranstalter? Es begann mit einem Winter als Snowboardlehrerin in Alpbach – mit dem Gedanken: „Wie können Leute nur auf Dauer hier leben?“ Doch unmerklich folgte eine Wandlung – „und nach dem dritten Winter habe ich vor dem Heimfahren geweint“.

In einer Bar in der folgenden Wahlheimat Alpbach lernte sie Schafscherer-Legende und Stammgast Peter Nitz und dessen Nachfolger Robbie Herdmann kennen. Ihn begleitete sie zu Bauern, um nach einem Almjob zu fragen. Daraus wurde der Besuch eines Scherkurses in Wales (GB), der Wahlheimat von Nitz. Von ihm übernahm sie auch das ewige Credo: „Nie schimpfen, nie mit dem Schaf kämpfen, wenn es widerspenstig ist.“ Und die Erkenntnisse, dass erst nach zehn Jahren wirklich jeder Handgriff perfekt sitzt, dass sich Schafe bei Vollmond anders verhalten, dass sich Frühjahrs- von Herbstwolle unterscheidet.

5000 Schafe pro Jahr bei 150 Kunden
Von März bis Mai und im September/Oktober nimmt sich Elvie fast nur die Sonntage frei. „Ich schere etwa 5000 Schafe pro Jahr, es sind rund 150 Kunden.“ Bis ins Ötz- und Pitztal führen angesichts des Schafscherer-Mangels die Routen. Elvie saugt alles auf: „Die entlegenen Höfe und Dialekte faszinieren mich, Tirol ist meine Heimat.“

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