Botschafter kritisiert

„Putin verwendet Kunst clever für seine Zwecke“

Salzburg
16.04.2022 05:50
Bei den Salzburger Festspielen soll auch heuer der russische Star-Dirigent Teodor Currentzis auftreten. Im „Krone“-Interview kritisiert der ukrainische Botschafter Wassyl Chymynez die Festspielpläne mit sehr scharfen Worten.

Wie stehen Sie zum möglichen Auftritt von Teodor Currentzis und seinem Orchesterensemble MusicaAeterna bei den Salzburger Festspielen im heurigen Sommer?

Ich sehe das als ein ganz falsches Zeichen, das von der Bühne der Salzburger Festspiele ausgehen würde. Ein total falsches, sogar als ein unmenschliches Zeichen im Sinne von humanitären Fragestellungen. Ich bin vor einer Woche von der Ukraine zurückgekehrt. Dort war ich – wie auch österreichische Journalisten – in Bucha, in einem der vielen Vororte Kiews, wo russische Soldaten viele Gräueltaten verübt haben. Ich habe die traurigen Gesichter der Einwohner gesehen, die unmenschlichem Leid ausgesetzt waren. Nach dem Gesehenen bin noch immer sehr bedrückt. Deswegen weiß ich, wovon ich spreche. Currentzis ist ein russischer Dirigent mit russischem Orchester und Chor und wird durch russische staatliche Institutionen unterstützt. Angesichts der barbarischen Kriegsszenen aus der Ukraine, die einem Genozid ähnlich sind, und des enormen Leides für die ukrainischen Kinder und Frauen, welches russische Besatzer angerichtet haben, wäre es ein sehr inhumanes Signal, wenn Russland bei den Salzburger Festspielen eine solche Bühne bekommen würde.

Der ukrainische Botschafter in Österreich Wassyl Chymynez spricht sich im „Krone“-Interview entschieden gegen einen Auftritt von Teodor Currentzis bei den Festspielen aus. (Bild: Ukrainische Botschaft)
Der ukrainische Botschafter in Österreich Wassyl Chymynez spricht sich im „Krone“-Interview entschieden gegen einen Auftritt von Teodor Currentzis bei den Festspielen aus.

Soll man Kunst, Künstler und Politik nicht voneinander trennen?

Kunst, Kultur, Sport sind zweifelsohne wichtige Bestandteile der Politik Russlands und damit wichtige Elemente der russischen aggressiven Propaganda. Deswegen finanziert der russische Staat diese so großzügig. Putin versteht es, die Kunst und die Kultur sehr clever für seine Zwecke zu instrumentalisieren. Für alle Ukrainer ist es daher klar, dass hier die Kunst wie auch im Fall von Currentzis dafür verwendet wird, um die russische Propaganda massiv zu verbreiten und die Verbrechen Russlands zu rechtfertigen. Kunst und Kultur sind nicht unpolitisch. Kunst und Kultur sind insbesondere in Russland ein Bestandteil der Politik. Wir sehen immer und immer wieder Fälle, dass Putin in seinen Reden darauf verweist, wie stark auch die Künstler hinter ihm stehen. Solche Künstler legitimieren Putins barbarischen Krieg und bekommen dafür viel, viel Geld. Und dann versuchen sich diese Künstler in der westlichen Welt als unpolitisch zu zeigen. Nach dem Motto, dass sie ja aus dem künstlerischen Bereich kommen und sich nicht in die Politik einmischen. Das gibt es nicht nur in der Kunst, das gibt es auch im Sport. Alle, die da in die russische Maschinerie eingebunden sind, sind damit auch zu Mittätern geworden. Diese Leute haben Mitverantwortung für alle schrecklichen Dinge, die in der Ukraine passieren. Denn dieser schreckliche, grundlose Krieg von Putin und seinen Schergen gegen die Ukrainer wird von 80 Prozent der Russen unterstützt.

Ist diese schöne westliche Vorstellung von der Kunst, die auch dafür gedacht sein soll, Brücken zu bauen, eine Illusion gewesen, die nicht funktioniert?

Das funktioniert ganz eindeutig nicht. Die meisten russischen Kulturschaffenden stehen hinter Putin und zeigen ihm volle Unterstützung bei der Durchführung des Krieges gegen die Ukraine. Sie helfen ihm damit, seine schrecklichen Verbrechen, seine Aggression zu legitimieren und zu rechtfertigen. Currentzis und sein Orchester und Chor sind ein Teil dieses Systems. Die werden von russischem Geld und mit staatlichen Subventionen unterstützt. Herr Currentzis hat sich in keiner Weise vom russischen Regime und dessen furchtbaren Kriegshandlungen distanziert und wird nach wie vor von der staatlichen VTB Bank finanziert, die auf der Sanktionsliste der Europäischen Union steht.

Bei den Salzburger Festspielen muss man sich auf massive Proteste der Ukraine einstellen. (Bild: ANDREAS TRÖSTER)
Bei den Salzburger Festspielen muss man sich auf massive Proteste der Ukraine einstellen.

Die Personen, die einen möglichen Auftritt von Currentzis rechtfertigen wollen, sagen, es gebe von ihm keine politischen Äußerungen. Wie sehen Sie das?

Das ist gerade das Problem, wenn Currentzis schweigt. Wenn er schweigt, wenn er sich nicht äußert, dann ist ganz klar, dass er das alles auch duldet. Es zeigt, dass er ein Teil von diesem ganzen System ist. Currentzis und sein Chor gehören zum System Putin und zu jenem Teil der russischen Gesellschaft, die hinter Putin steht und ihn unterstützt. Es ist unmoralisch, dass diese Leute in der freien Welt, bei den weltweit bekannten Salzburger Festspielen, eine Bühne bekommen. Wenn Currentzis als ein Vertreter von Putins System beim wichtigsten kulturellen Event in Österreich und Europa auftritt, muss man die Frage stellen, welche Lehren man aus dem Krieg gezogen hat? Heißt das, wir sollen die Augen verschließen? Heißt das, wir sollen auf die Gräueltaten, die unseren Familien angetan werden, nicht reagieren? Wenn Menschen getötet werden, Frauen vergewaltigt werden, wenn kleine Kinder geschändet werden, dann ist das furchtbar und kann nicht vergessen werden. Die Kriegsverbrechen werden von russischen Soldaten begangen, die Mitglieder der russischen Gesellschaft sind. Diese Gesellschaft unterstützt das, auch indem viele schweigen. Schweigen bedeutet Unterstützung. Wenn die Salzburger Festspiele nicht bereit sind, das zu verstehen, weil hier vielleicht nur wirtschaftliche Aspekte im Vordergrund stehen, dann laufen die Verantwortlichen dieser Institution Gefahr, ihre Selbstachtung zu verlieren.

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