„Vanja, kannst du mir bitte diesen Bauklotz geben“, fragt die 72-jährige Evgenja ihren Enkelsohn, während dessen jüngere Schwester Vera vertieft in ihre Konstruktion aus Holzbausteinen ist. Eine Szene wie aus dem Bilderbuch, ein generationenübergreifendes familiäres Miteinander. Wenn nicht die tragische, erschreckende Vorgeschichte zu dieser friedlichen Szene wäre.
Bei Kriegsausbruch zu Besuch bei der Tochter
Die in der Ostukraine bis vor Kurzem immer noch als Fachärztin tätige Evgenja war, als der Krieg ausbrach, gerade auf Besuch bei ihrer alleinerziehenden Tochter und den über alles geliebten Enkelkindern im Zentrum von Kiew. Drei Tage verbrachte die vierköpfige Familie im hauseigenen Keller, während über ihnen die Granaten und Raketen das wunderschöne Zentrum der einst „Goldenen Stadt“ am Dnjepr zerstörten.
Wir bekamen in einem ersten Schwung Matratzen sowie Bettwäsche und konnten somit die notwendigen Schlafplätze bei uns einrichten.
Anastasiya
Drei Tage unter Bomben und Raketen im Keller
Drei Tage hielt es die vierköpfige Familie unter diesen unvorstellbaren Lebensbedingungen aus. Bis Mutter Julia den Entschluss fasste, mit dem Zug in den Westen zu fliehen. Wo sie, wie durch ein Wunder die Grenze überquerten, um dann nach etlichen Station sicher in Kufstein anzukommen. Dort wurden sie bereits von einer früheren Studienkollegin aus Charkiv erwartet. Mit ihrer Kollegin war sie während der ungewollten Reise ständig in Kontakt, da sie diese um Hilfe bat.
In kurzer Zeit große Hilfe auf die Beine gestellt
Die seit 20 Jahren in Tirol lebende und arbeitende Juristin Anastasiya erwartete in diesen Tagen noch zwei weitere Familien aus Charkiv. „In einem kurzen Moment der Verzweiflung, ob ich auch wirklich allen helfen kann, rief ich eine Kufsteiner Freundin an. Diese mobilisierte in zwei Tagen über ihren Freundeskreis schier unvorstellbare Hilfe“, sagt die Kufsteinerin mit ukrainischen Wurzel, um dann weiter auszuführen: „Wir bekamen in einem ersten Schwung Matratzen sowie Bettwäsche und konnten somit die notwendigen Schlafplätze bei uns einrichten.“
Für mich ist es die Pflicht, den Menschen aus meinem Heimatland zu helfen.
Anastasiya
Wohnmöglichkeit angeboten
Weitere hilfsbereite Freunde spendeten unaufgefordert warmes Abendessen und zur Freude der ukrainischen Gäste, insbesondere der Kinder, gab es als Nachspeise warme Buchteln mit der obligatorischen Vanillesoße. Dem aber nicht genug.
Zu Tränen gerührt war Anastasiya in dem Moment, als ihr zwei temporäre Wohnmöglichkeiten angeboten wurden. „Für mich ist es die Pflicht, den Menschen aus meinem Heimatland zu helfen. Das, was meine Tiroler Freunde jetzt tun, ist für sie keine Pflicht, sondern zeigt ihre pure und ehrliche Herzensgüte.“








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