09.02.2022 11:15 |

Verbesserung gefordert

Sexarbeit in Tirol ist nach wie vor ein Tabuthema

Es ist ein Metier, das nicht gerne gesehen wird - auch in Tirol nicht. Über die Jahrzehnte hinweg hat sich nichts daran geändert. Ein weitverbreiteter Gedanke ist auch, dass sie mit Kriminalität einhergeht. Der Ruf nach Verbesserungen wird immer lauter. Eine Sozialarbeiterin des Innsbrucker Beratungsvereins iBUS spricht im „Krone“-Gespräch unter anderem über die teils problematischen Arbeitsbedingungen von Sexarbeitenden.

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„Es entspricht nicht der Wahrheit, dass dieses Gewerbe nur mit Kriminalität und Menschenhandel zu tun hat“, sagt eine Sozialarbeiterin (Name bekannt) der Innsbrucker Beratung und Unterstützung für Sexarbeiter*innen (iBUS), „die meisten unserer Klienten - sowohl Frauen als auch Männer - üben diesen Beruf aus, weil sie schlichtweg Geld benötigen. Wenn es gut läuft, kann man in kurzer Zeit gutes Geld verdienen. Zahlreiche von ihnen haben einen Migrationshintergrund und ernähren mit dem verdienten Geld ihre Familie in ihrem Heimatland - meist in Rumänien oder Bulgarien.“

Rund 150 offiziell tätige Sexarbeitende
Tirolweit dürften um die 150 Sexarbeitende offiziell in Bordellen tätig sein. „Die Dunkelziffer ist mindestens gleich groß, wenn nicht größer“, behauptet sie. Konkrete Zahlen zu nennen sei schwierig, weil sich viele von ihnen zum Beispiel nicht abmelden, wenn sie nicht mehr in diesem Gewerbe tätig sind.

„Vorgaben in Bordellen meist problematisch“
Sexarbeit dürfe nur in genehmigten Bordellen ausgeübt werden und sei nur auf selbstständiger Basis möglich - eine Tatsache, die die Sozialarbeiterin kritisiert: „Die Arbeitsbedingungen in den Bordellen sind meistens problematisch. Seitens der Betreiber, die mächtig sind, gibt es schier unglaubliche Vorgaben. So wird festgelegt, wie lange die Sexarbeitenden im Bordell aufhältig sein müssen und auch die Preise werden vorgegeben.“

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Die Arbeitsbedingungen in den Bordellen sind meistens problematisch.

Sozialarbeiterin des Innsbrucker Vereins iBUS

Einige von ihnen wollen sich aus diesem Grund nicht einem Bordellbetreiber unterwerfen und arbeiten illegal in Wohnungen. „Das birgt immer die Gefahr von Gewalt und Ausbeutung“, betont die Sozialarbeiterin.

„Viele mit derselben Steuernummer angemeldet“
Ein weiteres Beispiel, das die Problematik aufzeigt, sei der Härtefallfonds im Zuge der Coronakrise. „Diese finanzielle Unterstützung haben nur jene Selbstständigen erhalten, die über ein österreichisches Bankkonto sowie eine eigene Steuernummer verfügen. In manchen Bordellen wurden viele Sexarbeitende aber mit derselben Steuernummer angemeldet. Dort herrscht eine Scheinselbstständigkeit. Daher sind viele von ihnen durch den Rost gefallen. Nur rund zwei Hände voll von unseren Klienten bekamen den Härtefallfonds ausbezahlt. Die anderen hatten Existenzängste und waren wahrlich am Rande der Verzweiflung“, weiß die Sozialarbeiterin zu berichten.

„Wir distanzieren uns klar von einem Sexkaufverbot“
Ein zusätzlicher Aspekt, der für Debatten sorgt, ist das Sexkaufverbot nach nordischem Modell, das in der Kriminalisierung von Prostitution besteht. Es geht von der Annahme aus, dass sexuelle Dienstleistungen für Geld per se Gewalt darstellen. „Davon distanzieren wir uns ganz klar, denn es bestraft die Sexarbeitenden indirekt und treibt sie zudem in die Illegalität“, verdeutlicht die Sozialarbeiterin, „in Tirol gibt es das Sexkaufverbot eigentlich seit der Novellierung des Landespolizeigesetzes 2017.“

„Menschen in Pflegeeinrichtungen haben sexuelle Bedürfnisse“
Und dann wäre da noch die Sexualbegleitung, im Zuge derer behinderten beziehungsweise beeinträchtigten Menschen - beispielsweise an Demenz Erkrankten - der Zugang zu Sexualität ermöglicht wird. „Der Bedarf ist in Pflegeeinrichtungen riesig, denn auch diese Menschen haben sexuelle Bedürfnisse. Dort kommt es immer wieder zu unangenehmen Situationen für das Pflegepersonal, manchmal sogar zu Übergriffen. Sexualbegleiter könnten das abfedern“, ist die Sozialarbeiterin überzeugt.

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Der Bedarf ist in Pflegeeinrichtungen riesig.

Sozialarbeiterin des Innsbrucker Vereins iBUS

In anderen Bundesländern sei die Sexualbegleitung in Heimen und Zuhause erlaubt, in Tirol nicht. Hier sei sie lediglich im Bordell möglich. „Doch darf ein Pfleger einen Klienten ins Bordell bringen? Ist das nicht Zuführung zur Prostitution? Mit derartigen Fragen werden wir häufig konfrontiert. Das ist ein großes Thema“, teilt die Sozialarbeiterin mit. 

Klar formulierte Forderungen
„Die Sexarbeitenden sollen selbstständig tätig sein können. Dafür benötigt es in Tirol dringend eine Gesetzesänderung auf Landesebene“, betont eine Sozialarbeiterin des Vereins iBUS und führt hinzu: „Viele von ihnen äußern uns gegenüber den Wunsch, ein eigenes Studio zu eröffnen. Jedoch machen die vielen Vorgaben derartige Vorhaben unmöglich.“

Zum Beispiel dürfe lediglich in einem eigenständigen Haus ein solches Studio in Betrieb genommen werden, sonst dürfe sich niemand darin befinden. „Doch allein in Innsbruck ist ein leistbares Haus schlichtweg nicht zu finden“, erläutert die Sozialarbeiterin. Auch Hausbesuche sowie die Sexualbegleitung müssen in Tirol „endlich erlaubt werden“.

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