Syrischer Autor

„Im Krieg ist mutig, wer sich weigert zu kämpfen“

Steiermark
06.01.2022 13:30

In seinem bereits vierten Buch mit dem provokanten Titel „Feig, faul und frauenfeindlich“ widmet sich der in Graz lebende Syrer Omar Khir Alanam dem Thema Vorurteile. Was trennt die Österreicher und die Syrer - und was verbindet sie? Ein Gespräch über Mut, Antisemitismus und mangelnden Respekt vor den Eltern.

Nach einem „Danke!“ an die Österreicher und einem Buch über deren Eigenheiten geht es nun um Vorurteile. Wieso?
Weil ich ihnen in meinem Alltag immer wieder begegne. Viele Leute nehmen an, dass ich aus Spanien oder Mexiko bin. Wenn ich Syrien sage, hat die Person plötzlich ein ganz anderes Bild von mir. Das ist absurd.

Welche sind die häufigsten Vorurteile, die Ihnen im Alltag begegnen?
Zum Beispiel, dass wir feig seien, weil wir geflüchtet sind und angeblich nicht gekämpft hätten. Wer so denkt, hat keine Ahnung, was in Syrien passiert ist. Im Krieg ist es das Allerleichteste, daran teilzunehmen. Mutig ist es hingegen, nicht hinzugehen und nicht zu kämpfen. Das ist mein Verständnis von Revolution: mit Frieden auf Gewalt zu antworten.

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Im Krieg ist es das Allerleichteste, daran teilzunehmen. Mutig ist es hingegen, nicht hinzugehen und nicht zu kämpfen.

Omar Khir Alanam

Sie schreiben in Ihrem Buch von einem verzerrten Geschichtsbild, das vielen Arabern beigebracht wird - Juden seien böse und Hitler wäre bloß ein Beschützer seines Volks gewesen. Was kann man dagegen tun?
Es braucht Aufklärungsarbeit. In Schulen lernen sie viel zu wenig über dieses Thema. Man sollte Jugendliche nicht belehren, denn sonst kapseln sie sich ab, sondern das Thema im Dialog aufarbeiten.

Jugendliche mit Migrationshintergrund finden sich ja oft zwischen den Welten wieder.
Ja, sie kämpfen mit einer Zerrissenheit. Sie sind nirgendwo zu Hause und müssen sich immer rechtfertigen. So ging es mir auch.

Omar Khir Alanam scheut sich nicht, in seinen Büchern auch heiß diskutierte Themen anzugreifen: In seinem aktuellen Werk geht es um Vorurteile. (Bild: Christian Jauschowetz)
Omar Khir Alanam scheut sich nicht, in seinen Büchern auch heiß diskutierte Themen anzugreifen: In seinem aktuellen Werk geht es um Vorurteile.

Sie schreiben auch über Partnerschaft und Liebe zwischen den Kulturen. Welche Rolle spielt Sexismus?
Ich habe einen Sohn mit einer Österreicherin. Nach dem ersten Date mit ihr hat mich ein Freund gefragt, ob sie Jungfrau ist. Das bringt mich noch heute zum Nachdenken.

Also ist etwas dran an dem Vorurteil?
Nicht jeder Araber ist frauenfeindlich. Es gibt ein patriarchales System, unter dem alle leiden. Auf den Frauen lastet viel Druck, die „Ehre“ der Familie liegt zwischen ihren Beinen. Die Männern müssen diese ,Ehre‘ bewahren. Alle sind Täter und Opfer gleichzeitig. Der Mann hat aber natürlich mehr Freiheiten.

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Ich habe viel Gutes aus der muslimischen Welt mitgenommen. Manchmal überrascht es mich, wie Jugendliche in Österreich mit ihren Eltern sprechen.

Omar Khir Alanam

Was können sich die Österreicher von den Syrern abschauen?
Es gibt ein arabisches Sprichwort: ,Zwei lernen nicht: der Schüchterne und der Stolze.‘ Manchmal kommen mir die Europäer stolz vor, als seien sie der Gipfel der Zivilisation. Ich habe viel Gutes aus der muslimischen Welt mitgenommen. Manchmal überrascht es mich, wie Jugendliche in Österreich mit ihren Eltern sprechen. Im Arabischen kommen die Eltern direkt unter Gott. Ich habe übrigens auch erlebt, dass österreichische Eltern drohen: Wenn du mit einem Moslem zusammen bist, wirst du enterbt.

Auf der griechischen Insel Lesbos sitzen noch immer Flüchtlinge fest. Macht Sie das betroffen?
Ich versuche, mich selbst vor den Schuldgefühlen zu schützen, die ich manchmal habe - dass es mir hier gut geht und diese Leute dort sind. Das hilft aber weder mir noch ihnen. Ich werde oft als erfolgreiches Beispiel für Integration hergenommen. Aber vor sechs Jahren war ich einer von den Flüchtlingen, die mit einem Schlauchboot versuchten, eine griechische Insel zu erreichen.

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