23.11.2021 13:00 |

Forscherin klärt auf

Warum weniger Frauen den Doktortitel machen

Früher durften Frauen gar nicht studieren, mittlerweile gibt es auf der Innsbrucker Universität mehr weibliche als männliche Studierende. Sie sind in der Überzahl bei den Bachelor-Abschlüssen, beim Diplom- und Masterabschluss schaut es nicht anders aus. Nur den Doktor und den PhD machen mehr Männer als Frauen. Warum ist das so?

Schaut man sich die Zahlen der Studierenden der Uni Innsbruck an, sticht einem so manches ins Auge. Etwa der große Ausländer-Anteil. Diese machen mehr als die Hälfte aus, wobei 50,6 Prozent aus der EU und nur 4,6 Prozent aus Drittstaaten kommen. Noch eines sticht ins Auge: Das Verhältnis zwischen Männern und Frauen. Es gibt inzwischen knapp mehr Frauen als Männer, die in Innsbruck studieren. Sie sind in der Mehrheit bei den Matura-Abschlüssen, auch beim Bachelor-Studium und infolgedessen auf der Hand liegend auch beim Diplom- und Masterstudium.

Doch beim Doktortitel bzw. PhD ändert sich plötzlich das Blatt – und zwar erheblich! Dort liegt der Frauenanteil nur noch bei mickrigen 35,7 Prozent. Verwunderlich in Anbetracht dessen, dass man eben alle vorigen Stufen durchlaufen muss, um das zu erreichen. Warum ist das so? Die Antwort darauf lesen Sie im folgenden Interview.

Frauen sind nach wie vor die Kümmerer
Die Forscherin Flavia Guerrini von der Universität Innsbruck erklärt, warum es für Frauen immer noch schwerer ist, die Universität mit dem Doktortitel bzw. PhD abzuschließen.

Krone: Frau Guerrini, wie ist es zu erklären, dass weniger Frauen als Männer den Doktor bzw. PhD machen, obwohl sie doch noch am Anfang des Studiums in der Überzahl sind?
Flavia Guerrini:
Studien haben gezeigt, dass es keine Unterschiede in den Fähigkeiten, aber bei der Einstellung gibt. Für Männer sind hohes Ansehen, Prestige und Image sowie ein gutes Gehalt sehr wichtig, sogar wichtiger als andere Dinge. Bei Frauen liegen hingegen die Prioritäten anders.

Deswegen schaffen mehr Männer den Doktor- beziehungsweise PhD-Titel?
Nicht nur deswegen. Man hat auch erhoben, dass bei Männern bzw. Buben Verhalten gefördert wird, das in der Karriere nützlich sein kann. Sie sind im Durchschnitt selbstsicherer und auch aggressiver. Konkurrenzverhalten bei Buben wird geduldet, bei Mädchen nicht. Im Erwachsenenalter wird dann auch gleiches Verhalten unterschiedlich bewertet: Sich an Leistung zu orientieren und in Konkurrenz zu gehen, wird bei Männern positiv gesehen, bei Frauen hingegen nicht. Sie müssen mit negativen Reaktionen rechnen, weil so ein Verhalten als „unweiblich“ gilt. Da entsteht für Frauen eine Zwickmühle, weil das Eigenschaften sind, die Führungspositionen zugeschrieben werden und auch teilweise in der Wissenschaft wichtig sind.

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Mittlerweile bringen ja beide Geschlechter das Geld heim. Was sich aber nicht verändert hat, ist die Aufteilung der Sorgearbeit.

Flavia Guerrini

Gibt es noch weiterreichende Erklärungen dazu?
Früher hat man oft von männlichen und weiblichen ,Normalbiografien’ gesprochen. Bei Männern hat das so ausgeschaut, dass sie durchgehend in Erwerbstätigkeit waren. Bei Frauen hat man sich hingegen erwartet, dass sie zuerst studieren oder arbeiten, dann aber Kinder bekommen, Zuhause bleiben und sich auch um das Zuhause kümmern - entweder eine Zeit lang oder für immer. Mittlerweile bringen ja beide Geschlechter das Geld heim. Was sich aber nicht verändert hat, ist die Aufteilung der Sorgearbeit. Aufräumen, Putzen, Einkaufen, Kochen, Kinder, Mitdenken für die ganze Familie, sich um die ältere Generation kümmern - das übernehmen nach wie vor zum allergrößten Teil Frauen. Man könnte sich erwarten, dass auch Haushalt und Erziehung aufgeteilt werden, da doch Männer und Frauen arbeiten gehen. Das ist aber nicht der Fall.

Und die eigene Karriere bleibt dann auf der Strecke.
Was auch zum Nachteil der Frauen ist, ist, dass oft die Familienplanung gerade dann Thema wird, wenn man sich noch in der Qualifizierungsphase befindet, zum Beispiel gerade die Doktorarbeit schreibt.

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Man sollte eigentlich fragen: Warum übernehmen Männer so wenig Sorgearbeit?

Flavia Guerrini

Warum übernehmen die meisten Frauen 2021 noch immer die ganze Sorgearbeit?
Man sollte eigentlich fragen: Warum übernehmen Männer so wenig Sorgearbeit? Warum nutzen nur so wenige die Möglichkeit, in Karenz zu gehen oder in Teilzeit zu arbeiten, wenn die Kinder klein sind? Es gibt ein Phänomen, das heißt ,rhetorische Modernisierung’. Es sagen zwar alle, dass sie für Gleichstellung in Partnerschaften sind. Aber in der Realität schaut das dann oft ganz anders aus. Es gibt eine interessante Studie, die zeigt, dass vor allem zu zwei Zeitpunkten auf das alte Rollenmuster zurückgegriffen wird. Bei den Studierenden ist Aufgabenverteilung nämlich innerhalb von Partnerschaften noch relativ gleich, aber ein „Retraditionalisierungsschub“ kommt dann oft mit dem Eintritt in die Erwerbsarbeit und dann, wenn eine Familie gegründet wird. Ein Problem ist auch, dass die Leistungskriterien an der Uni quantitativ sind - also wie viel hat man publiziert. Es gäbe aber auch qualitative Ansätze: Wie gut ist die Lehre? Wer kümmert sich um die Anliegen der Studierenden?

Spielt es auch eine Rolle, dass Frauen lange Zeit gar nicht studieren durften?
Ja, wenn Männer überproportional vertreten sind, und das sind sie bei den Professuren, tun sich nachkommende Männer auch leichter, sich zu vernetzen. Das liegt daran, dass sowohl Männer als auch Frauen tendenziell Interaktionen mit dem eigenen Geschlecht bevorzugen. In solchen Gruppen und Männerbünden werden Frauen als Störfaktor empfunden. Und gerade in der Qualifizierungsphase sind Netzwerke hilfreich. Für Männer ist es leichter, sich über diese Netzwerke Informationen zu holen, bekannt zu werden, zu Vorträgen eingeladen zu werden, Gelegenheiten für Publikationen zu bekommen und so weiter. Das sind genau die Leistungsansprüche, die eine Universität prinzipiell hat. Und am Ende sind Männer scheinbar objektiv besser qualifiziert. Wie das zustande gekommen ist, fragt allerdings keiner mehr.

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