„Gibt Möglichkeiten“

Tochter von Ermordeter hilft nun Gewaltopfern

Alexandra Leitners Schicksal ist erschütternd: 2016 tötete ihr Vater ihre Mutter. „Lange“, so die Frau, „war ich nicht fähig, mit meinem Drama umzugehen.“ Mittlerweile hat sie das geschafft. Und sich nun eine große Aufgabe gesetzt: Familientragödien zu verhindern.

Alexandra Leitner sitzt im Gastgarten eines Cafés im niederösterreichischen St. Valentin – und wirkt entspannt und aufgeregt zugleich. „Ja“, sagt sie, „ich bin stolz darauf, dass ich endlich dazu fähig bin, ein normales Leben zu führen.“ Nach all den schlimmen Dingen, die sie von Kindheit an erfahren musste – und letztlich nach diesem unfassbaren Drama, das sie erleiden musste.

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Meine Mama hatte beschlossen, sich von meinem Papa zu trennen. Das ist ihr Todesurteil gewesen.

Alexandra Leitner

Im Sommer 2016, als ihr Vater ihre Mutter mit unzähligen Messerstichen und Hackenhieben ermordet hat. Der Tat - geschehen in Ried im Traunkreis, Oberösterreich - war ein jahrzehntelanges Ehemartyrium vorausgegangen, Josef F. hatte seine Frau Kornelia regelmäßig körperlich und psychisch schwer misshandelt. „Auch meine drei jüngeren Geschwister und ich wurden von meinem Papa nicht gut behandelt“, so die 39-Jährige. Erfahrungen, Erlebnisse, „die sich tief in meine Seele eingegraben haben“.

Und dann dieses abscheuliche Verbrechen: „Meine Mama hatte beschlossen, sich von meinem Papa zu trennen. Das ist ihr Todesurteil gewesen.“

Trotz allem Mitleid für Vater empfunden
Genau erinnert sich Alexandra Leitner an den Moment, als Polizisten kurze Zeit später vor ihrer Türe standen und ihr die schreckliche Nachricht überbrachten; genau erinnert sie sich daran, was danach geschah. Wie sie - in Begleitung eines Kriseninterventionsteams - ihrem Bruder und den beiden Schwestern und später ihren drei kleinen Kindern die entsetzliche Wahrheit mitteilen musste. Wie sie 2017, beim Prozess gegen ihren Vater, im Gerichtssaal saß „und ich seltsamerweise sogar Mitleid mit ihm empfand - weil ich ihn ja doch auch liebte“.

Das Motiv dafür, warum sie später sogar an sein Sterbebett ging – kurz nach seiner Verurteilung war Josef F. an Krebs erkrankt –, und warum sie bei seinem Begräbnis dabei war. „Seine Verwandten sagten dabei, dass er wunderbarer Ehemann und Vater und seine Tat eine Kurzschlussreaktion gewesen sei. Ab diesem Moment war in mir plötzlich nur noch Wut. Eine – am Ende – befreiende Wut.“

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Ab diesem Moment war in mir plötzlich nur noch Wut. Eine – am Ende – befreiende Wut.

Leitner über die Erlebnisse bei der Beerdigung ihres Vaters

Doch wirklich befreit war die Frau trotzdem nicht, „meine Vergangenheit, der Mord an meiner Mutter – ich konnte mit alledem kaum fertigwerden. Doch, ich funktionierte, ging arbeiten, versorgte meine zwei Söhne und meine Tochter, hielt den Haushalt in Schuss; ich versuchte, meinem Mann eine verlässliche Partnerin zu sein. Aber wenn ich alleine war, legte ich mich ins Bett und weinte und weinte.“

„Langsam kam es zu einer Wende“
Irgendwann habe sie gemerkt, „dass es so nicht weitergehen darf, dass ich mit dem Früher abschließen muss, weil es sonst keine Zukunft für mich geben kann“. Schließlich half ihr eine Psychologin „in unzähligen Therapiesitzungen“ dabei, „ein neues Ich“ zu finden: „Ein selbstbestimmtes Ich.“ Ein Mensch zu werden, „der sich nicht seinem Unglück ergibt, sondern nach Lösungen für Probleme sucht; sich der Realität stellt“.

Das Verbrechen an ihrer Mutter wäre verhinderbar gewesen – daran glaubt die 39-Jährige jetzt fest: „Wenn sie, wenn ihr Umfeld, wenn ich anders agiert hätte.“ Ein Wissen, das ihr, „so absurd das klingen mag, immense Kraft gibt“. Eine Kraft, die sie weitergeben will. An Opfer. Darum hat die gelernte Köchin beruflich „umgesattelt“, in wenigen Monaten wird sie ihren Abschluss zur diplomierten Gewalt- und Mobbingpräventionstrainerin machen und in der Folge in einer Betreuungsrichtung zu arbeiten beginnen.

„Um Betroffenen – wie ich und meine Mutter waren – beizustehen, sich aus scheinbar ausweglosen Familiensituationen zu lösen. Denn ja, es gibt dazu tatsächlich immer Möglichkeiten.“

„Wir hätten meinen Vater oft anzeigen müssen“
Was sie an ihrem eigenen Schicksal erklärt: „Schon als kleines Mädchen spürte ich, dass viel schieflief bei uns. Ich hätte mich damals dem Jugendamt oder meiner Lehrerin anvertrauen sollen.“ Und ihre Mutter „hätte sich nach der ersten Verprügelungsaktion meines Vaters von ihm trennen, an die Polizei wenden und in ein Frauenhaus flüchten müssen“.

Alexandra Leitner weiter: „Wir haben leider nie Anzeigen gegen meinen Papa gemacht, gaben vor anderen die ,heile Familie‘.“ Vor Nachbarn, vor Freunden. Verletzungen, die durch Schläge des Tyrannen, „dieses Narzissten“, entstanden waren, „bezeichneten wir als Unfälle. Das war unser großer Fehler. Den wir aus zwei Gründen begingen: Weil wir in meinem Papa das Gute – das durchaus teilweise in ihm war – sehen wollten. Und weil wir uns für das, was er uns antat, schämten.“

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Wir haben leider nie Anzeigen gegen meinen Papa gemacht, gaben vor anderen die „heile Familie".

Leitner über ihre Kindheit

In weiten Teilen von Ober- und Niederösterreich ist Alexandra Leitners Engagement für Unterdrückte mittlerweile bekannt, „nicht wenige Gewaltopfer bitten mich bereits um Ratschläge, wie sie sich aus ihren bedrückenden Umständen befreien könnten“.

„Es gibt Möglichkeiten, sich zu wehren“
Wege dazu gibt es: „Weil wir in einem Land leben, in dem den Betroffenen zur Seite gestanden wird. Wichtig ist daher, die Behörden über das Ausmaß der Tragödien zu informieren. Um ihnen die Möglichkeit zu geben, entsprechende Maßnahmen einzuleiten.“ Die Opfer in Betreuungseinrichtungen unterzubringen; über die Täter Haftstrafen und Therapieauflagen zu verhängen.

Frau Leitner, meinen Sie nicht, dass Ihre Vorstellungen von staatlicher Gerechtigkeit vielleicht der Wirklichkeit widersprechen? „In der Regel – nein. Denn ich informiere mich ausführlich über die Hintergründe von Femiziden. Und ich habe dadurch erkannt: In beinahe jedem der Fälle hatten sich die später Getöteten lange von ihren Peinigern einschüchtern lassen, sich niemandem anvertraut, Übergriffe gedeckt. So wie einst meine Mutter.“

Erkenntnisse, über welche die 39-Jährige am 10. Oktober erstmals vor einer breiten Öffentlichkeit berichten wird; im Volksheim St. Valentin, bei einer von ihr organisierten Benefizveranstaltung für Gewaltopfer.

„Ich werde dabei meine Geschichte – und die meiner geliebten Mama – erzählen. Und dabei auch über Optionen reden, durch die ihr grauenhafter Tod verhinderbar gewesen wäre.“

Martina Prewein
Martina Prewein
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