31.07.2021 17:00 |

Volksschauspiele Telfs

Premiere: Mit „Rut“ hat die Bibel doch recht!

„Theater lebt vom Risiko“, lautet eine der markigen Devisen von Christoph Nix. Mit seinem Stück „Rut“ schuf er die Biografie der Emigration einer alttestamentarischen Frau. Nix verfrachtet nun diesen Stoff in den Garten der Franziskaner in Telfs und wird dadurch seinem Nimbus , „internationaler zu sein“, mehr als gerecht.

Die vier Kapitel umfassende rund 1100 Jahre vor Christus verfasste, alttestamentarische „Rut-Erzählung“ ist literarisch betrachtet ein Meisterwerk der hebräischen Fabulierkunst.

Die Geschichte einer Flucht
Zeitlos wird in ihr die bedingungslose Freundschaft der beiden Witwen Rut und Noomi, die sich als Flüchtlinge in der Welt des Patriarchats behaupten, thematisiert. Rut stammt aus Moab und begleitet ihre schutzlose Schwiegermutter Noomi auf ihrer Flucht zurück nach Judäa, nach Bethlehem. Doch auch dort sind die beiden nicht erwünscht, denn Rut gilt als minderwertig. Doch Boas verspricht ihr die Heirat und gibt Rut damit ihre Position und ihr Ansehen in der Gesellschaft zurück. Mit der Konsequenz, dass er seine Rechte verliert.

Aus dieser vielschichtigen, komplexen Faktenlage heraus hat Nix einen fein gestrickten, poetischen, aber auch der historischen Literaturvorlage entsprechend respektvollen Monolog verfasst. Der rein als Gleichnis für bestimmende Themen der Gegenwart gedacht ist. In der „Telfer Version“, welche die österreichische Erstaufführung darstellt, glänzt eine knappe Stunde die junge Schauspielerin Michaela Klamminger vom Wiener Theater in der Josefstadt. Klamminger stellt nicht nur durch ihre äußere Erscheinung eine perfekte Verkörperung von Rut dar. Auch in ihrem Spiel zieht sie alle Register ihres Könnens und verkörpert somit im Ganzen eine äußerst zeitlose, agile, feminine und emanzipierte Frau, die viel an Sinnlichkeit in sich trägt.

Passende Regie für das Stück
Für Regie und Bühne im romantischen Garten der Klosterbrüder holte sich Intendant Nix mit Nicola Bremer einen für ihn altbekannten Bühnenmenschen aus seiner Zeit am Theater in Konstanz nach Tirol. Bremer hat sich seinen Bekanntheitsgrad als Regisseur auch dadurch erarbeitet, dass er große Wertigkeit darin sieht, künstlerisch auf die Zeit zu reagieren, in der er sich selbst befindet. Rein aus diesem Grund stellt er eine ausgezeichnete Wahl für „Rut“ dar. Auflockerung im Monolog bietet Musiker Ben Wood, welcher - gleich einem tief gefallenen Hardrock-Engel - dunkel, hager, leicht an Alice Cooper erinnernd, mit von ihm komponierten Balladen und Rocksongs zeitlichen Übergängen im Ablauf der Geschichte stimmig Leben einhaucht.

Urbanes Theater für Volksschauspiele
„Theater lebt vom Risiko“ - was auf einer urbanen Bühne zum Applaus animiert, funktioniert auch im ländlichen Klostergarten - so viel sei zum „Risiko“ gesagt. Abschließend noch kurz angemerkt: Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass Intendant Nix mit „Rut“ eine subtile Aufforderung an uns sendet, welche lautet: „Seid nicht immer so abweisend zu Fremden.“

Hubert Berger
Hubert Berger
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