09.05.2021 06:00 |

Das große Interview

Wie nahe geht Ihnen der Tod, Frau Praßl?

Ihr aufwühlender Brief aus der Corona-Intensivstation traf viele Menschen mitten ins Herz. Nun erzählt Gabriele Praßl von ihrer Arbeit als Krankenschwester, von Maschinen und Menschen, von Distanz und Nähe. Und von kleinen Wünschen vor der letzten großen Reise.

Sie kommt zu Fuß über den Erdberger Steg zur Jesuitenwiese im Wiener Prater. „Ab heute bin ich auf Urlaub“, sagt Gabriele Praßl und atmet tief durch. „Ich freu mich total drauf, denn ich brauche es jetzt wirklich.“ Seit Anfang April arbeitet die Steirerin auf einer Corona-Intensivstation. Letzten Montag hat die „Krone“ ihren Brief veröffentlicht, der wie aus einer Parallelwelt klingt. Er vermittelt eine Ahnung davon, wie verzweifelt Menschen dort um jeden Atemzug, ums Überleben kämpfen.

„Krone“: Frau Praßl, was hat Sie bewogen, diesen Brief zu schreiben, in dem Sie Ihr Herz ausschütten?
Gabriele Praßl: Ich hatte eine Reihe von anstrengenden Diensten hinter mir und bin ins Belvedere spazieren gegangen, obwohl ich eigentlich zu müde für alles war. Dort saß ich auf den Stufen vor dem Schloss und plötzlich kam mir die Welt draußen so surreal vor. Ich sah die Leute vorbeispazieren und dachte: Wenn ihr wüsstet! Zu Hause hab ich mich an den Computer gesetzt und meine Gedanken aufgeschrieben. Eigentlich wollte ich es nur mit meinen 170 Facebook-Freunden teilen, aber dann meinte eine Freundin, das sollten viel mehr Menschen lesen. So ist der Text zur „Krone“ gekommen. Seither schreiben mir sehr viele. „Danke für den Einblick.“ „Schön, dass du eine Brücke baust zwischen uns draußen und euch drinnen.“ Das fand ich sehr schön.

Eine Leserin, ebenfalls Krankenschwester, schrieb, Sie sollten sich nicht aufregen, das wäre schließlich Ihr Job auf einer Intensivstation. Hat diese Kritik Sie getroffen?
Natürlich ist es mein Job. Nur sterben auf einer normalen Intensivstation nicht so viele Menschen wie auf den Covid-Intensivstationen. Ich wollte mit meinem Brief niemanden erschüttern und schon gar nicht wollte ich den Menschen Angst machen. Ich wollte nur, dass ich und alle meine Berufskolleginnen und -kollegen gehört werden. Und ich wollte sagen, dass ich mir niemals hätte vorstellen können, dass das Virus so wütet, dass es Menschen in so kurzer Zeit zerstören kann.

Der Tod ist bei dieser Arbeit Ihr Begleiter. Wie nahe geht er Ihnen?
Der Tod ist auch Ihr Begleiter! Wir alle leben mit dem Tod. Mir geht er deshalb besonders nahe, weil mir die Patienten, die sterben, vertraut haben. Auch wenn ich alles getan habe und mir sicher sein kann, dass ich alles richtig gemacht habe, ist doch immer irgendwo der Gedanke: Hätte ich noch mehr tun können, hätte ich noch irgendetwas tun können für den Menschen?

Was zum Beispiel?
Ich hatte einen Patienten, der noch gerne einen Apfel gegessen hätte. Es wäre nur diese Kleinigkeit gewesen, aber als ich am nächsten Tag den Apfel mitgebracht habe, war der Mann schon intubiert und ist ein paar Tage später gestorben. Es tröstet mich, dass ich noch seine Hand gehalten hatte. Er meinte, er habe jetzt schöne Gedanken. Ich denke, dass in dem Moment die Angst in den Hintergrund getreten ist. „Ich habe Angst.“ Diesen Satz höre ich sehr oft.

Wann zuletzt?
Zuletzt von einem 30-Jährigen. Die Covid-Patienten werden ja immer jünger. Mit der einen Hand habe ich das Narkotikum gespritzt, mit der anderen Hand seine Hand gehalten.

Was haben Sie ihm geantwortet?
Ich habe ihm gesagt: Sie sind nicht allein. Wir tun alles für Sie. Wir passen auf Sie auf. Dann wurde er intubiert.

Wie muss man sich das vorstellen? Was alles tun Sie für Covid-Intensivpatienten?
Ich mache alles, was für jeden gesunden Menschen selbstverständlich ist. Gesicht waschen, frisieren, rasieren, Ohren und Zähne putzen, Augen eintropfen, Mund aussaugen, Lippen pflegen, Schleim von der Lunge absaugen. Und obwohl ich einen Vollkörperschutzanzug trage - zwei Schutzmäntel, Plastikschürze, drei Handschuhe, zwei OP-Hauben, Schutzbrille -, baue ich Nähe zu den Patienten auf. Obwohl ich Maschinen und Schläuche und Monitore sehe, sehe ich in erster Linie den Menschen. Ich starte mit einer Initialberührung an der Schulter, ich spreche mit dem Patienten, erzähle ihm, wie das Wetter draußen ist … Ich sehe es als ganz wichtige Aufgabe, Vertrauen aufzubauen. Den Patienten das Gefühl zu geben, dass sie sich auf mich verlassen können, dass ich da bin.

Hören die Patienten Sie überhaupt?
Gute Frage. Mir ist dieser Kontakt wichtig, auch wenn diese Menschen im Tiefschlaf sind. Viele Patienten, das muss auch gesagt werden, wachen ja wieder auf und werden gesund - 50 Prozent der Langzeit-Intubierten überleben.

Ihr Krankenhaus heißt „Göttlicher Heiland“. Welche Rolle spielt Gott bei Ihrer Arbeit?
Ich bin eigentlich nicht besonders gläubig, und schon gar nicht fromm. Aber in letzter Zeit bin ich oft in den Stephansdom gegangen, wenn ich traurig war. Der Gedanke, dass ich jetzt nichts mehr für diese Menschen tun kann, dass sich jetzt Gott um sie kümmert, hat mich getröstet.

Wenn Sie die Corona-Demos sehen, wenn Leute sich über die Maßnahmen aufregen, was denken Sie sich dann?
Ich kann damit nichts anfangen, aber ich verurteile es auch nicht. Ich sehe ihnen aus der Ferne zu und wundere mich.

Worüber?
Über den fehlenden Respekt vor Menschen, die auf den Intensivstationen um ihr Überleben kämpfen.

Die Politiker bedanken sich sehr oft bei Menschen wie Ihnen, die in der Pandemie an vorderster Front stehen. Reicht der Dank?
Der Dank ist wichtig. Weil dadurch die Pflegekräfte ins Bewusstsein rücken, ihre hochprofessionelle, komplexe Arbeit, ihr unglaublicher Einsatz. Ich muss auch ehrlich sagen, dass ich den Job, den ich sehr liebe, in dieser Intensität auf lange Sicht nicht machen könnte. Es gibt aber viele, die ihn schon seit Beginn der Pandemie machen, sie würden auf jeden Fall eine Prämie verdienen.

Verdienen Sie persönlich zu wenig?
Als Intensiv-Krankenschwester verdient man gut, ich persönlich bin deshalb zufrieden. Es gibt aber sicher Bereiche, die neu bewertet werden müssten. Insgesamt glaube ich, dass unsere Gesellschaft sich zu sehr über Geld definiert. Motto: Wer viel Geld verdient, ist auch viel wert. Geld ist aber nicht alles. Mir ist es wichtig, dass ich mit meiner Arbeit etwas Sinnvolles mache. Was gibt es Erfüllenderes als Menschen zu helfen, die sich selber nicht mehr helfen können? Für mich ist es der schönste Beruf auf der Welt.

Wie werden Sie den Muttertag feiern?
Meine Tochter und ich werden uns eine Picknickdecke schnappen und irgendwo auf einer Wiese was essen und trinken und die Sonne spüren. Dankbar sein für das Leben. Ich werde auch ganz fest an meine Mutter denken, die leider schon verstorben ist. Und wenn ich dann in den blauen Himmel schau, dann tauchen sicher meine Intensivpatienten vor meinem geistigen Auge auf und ich schick ihnen ein paar Sonnenstrahlen, bis wir uns hoffentlich wiedersehen.

Seit 28 Jahren Krankenschwester

Geboren am 12.5.1972 als jüngstes von acht Kindern in Bad Radkersburg, Steiermark. Mutter und Vater waren Landwirte. 1993 wurde Gabriele Praßl als Krankenschwester diplomiert, 2000 ließ sie sich zur Intensivkrankenschwester ausbilden. Seit eineinhalb Jahren arbeitet sie im Herz-Jesu-Krankenhaus der Vinzenz-Gruppe, seit April auf der Corona-Intensivstation des Krankenhauses „Göttlicher Heiland“ in Wien-Hernals. Privat hat die bald 49-Jährige eine 19-jährige Tochter und liebt Kunst, Fotografie, Schwimmen und Radfahren.

Conny Bischofberger
Conny Bischofberger
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