Fußball vor dem Tod?

Wie schlimm ist‘s? „Wir sterben alle!“

Salopp schlussgefolgert, ist der Fußball jedenfalls dem Tod geweiht. Die Installierung der Super League käme dem Ende des klassischen Volkssports gleich, monieren Anti-Kommerz-Advokaten wort- und emotionsreich. Pikant: Auch Super-League-Hirte und Real-Madrid-Präsident Florentino Perez sieht jüngst „alle sterben“ - allerdings nur, wenn die Super League nicht (!) kommt. Also wie jetzt?

Andi Herzog war geladen. Gewohnt pointiert legte der „Krone“-Kolumnist via Facebook verbalen Zug zum Tor an den Tag. Wenn sich der Fußball-Fan nicht mehr länger "verarschen" lasse, „können wir alle zusperren“. Gerade in Corona-Zeiten die Super League aus dem Boden zu stampfen, zeuge von einer gewissen Abgehobenheit, so Österreichs Rekord-Internationaler. Die Liste Gleichgesinnter ist lang und prominent. Rudi Völler sieht in der Gründung des neuen Formats gar ein „Verbrechen“. Gruß an Liverpool: Für einen Klub, der „You‘ll never walk alone“ singe, sei es geradezu eine „Schande“, daran teilzunehmen. ManUnited-Legende Gary Neville wütete live auf Sendung ins Sky-Mikro und sprach von Hochstaplern, von „reiner Geldgier“ und einem „kriminellen Akt gegen Fans“.

Fans fürchten „Tod des Fußballs“
Darf‘s noch einen Deut morbider sein? Bitteschön: Einer vom deutschen Sport-Informations-Dienst (SID) beauftragten Fan-Umfrage zufolge sehen gleich 85 Prozent der Befragten im neuen Format den „Tod des Fußballs“. Und fast 100 Prozent gehen davon aus, dass die Schere zwischen Arm und Reich im Fußball noch weiter auseinandergehen wird (was im Falle des Fußball-Tods auch schon wurscht wäre).

Perez: „Mit der Champions League sterben wir alle“
Naht also tatsächlich das Ende der Weltsport-Art Nummer eins? Ja, ist auch Florentino Perez überzeugt. Allerdings will der Real-Madrid-Präsident genau deswegen die Super League durchziehen. Perez ist als Big Boss des neuen Wettbewerbs vorgesehen. Gleichsam als Super-League-Präsident in spe trat der 74-Jährige am Montagabend vor die spanischen TV-Kameras, um via Talk-Format „El Chiringuito“ mit der gleichen Intensität zurück zu feuern, mit der er und seine Mitstreiter argumentativ beschossen werden. Das Spiel mit dem Tod beherrscht der Kommunikationsfuchs dabei ebenso wie seine Gegner. Seine griffigste und Schlagzeilen-tauglichste Message: „Nur mit den Einnahmen der aktuellen Champions League sterben wir langsam dahin. Wir haben weniger Publikum und weniger Geld - so sterben wir alle, die Großen, die Kleinen, die Mittleren“.

Geldgier? Nie gehört!
Sorgen sich Super-League-Kritiker um das Wohl des Fußballs, dreht Perez den Spieß einfach um und kontert mit den Waffen der Gegner. Geldgier? Nie gehört. „Für uns geht es um die Zukunft des Fußballs. Einigen Personen ist das egal, weil sie ihre Privilegien nicht verlieren wollen. Der Fußball befindet sich momentan in einem freien Fall“, zitiert die Plattform „real total“ den Klub-Boss. Es gelte, auf die geänderten Gewohnheiten des sich ständig ändernden Fußball-Publikums zu reagieren. „Die neue Generation hat andere Gewohnheiten, wir müssen darauf antworten. An der Champions League besteht Jahr für Jahr weniger Interesse“, so Perez.

CL-Reform, Spieler-Sperren
Nicht zuletzt deswegen hat die UEFA - der Super-League-Gründung zum Trotz - Reformpläne präsentiert. Ab der Saison 2024/25 sollen 36 statt, wie bisher, 32 Teams an der Champions-League-Gruppenphase teilnehmen. Zudem soll es insgesamt 100 zusätzliche Spiele geben. Und ein Damoklesschwert in Form von Sperren lässt die UEFA auch über den Super-League-Willigen schweben. „Die Spieler, die in diesen Teams spielen, die vielleicht in einer geschlossenen Liga spielen, werden von der Weltmeisterschaft und Europameisterschaft ausgeschlossen“, sagte UEFA-Präsident Aleksander Ceferin am Montag.

Offene Fragen
Florentino Perez beeindruckt das nicht. Er glaubt nicht an Sperren von Spielern, auch nicht an das Zusammenbrechen von nationalen Ligen. Und überhaupt: Es gebe keine geschlossene Gesellschaft, auch keine Liga für die Reichen. Es sei schlicht eine Liga für den Fußball und die Möglichkeit, „alle zu retten“. Wobei sich Perez auch nach seinem TV-Auftritt noch einige Fragen gefallen lassen muss: Wovor müsste der Fußball gerettet werden, hätten er und gleichgesinnte Manager ihn nicht mit fragwürdigen Transfers und Gehaltszahlungen systematisch in die Not getrieben? Wer garantiert, dass das System von Investor JP Morgan mit den 3,5 Milliarden Euro aufgeht? Welche TV-Station steigt ein? Und wie reagieren Wettbüros?

Immerhin: Das Thema emotionalisiert. Das darf wohl immerhin als Zeichen gewertet werden, dass der Fußball doch noch ziemlich lebendig ist.

Michael Fally
Michael Fally
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Freitag, 14. Mai 2021
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