19.03.2021 06:00 |

Historisches Ereignis

Israel & Emirate: Rugby im Zeichen der Versöhnung

Es ist ein historischer Moment. Nicht nur für den Sport, sondern für die Welt. Fernab von Kameras und Mikrofonen treffen heute in Dubai die israelische Rugby-Nationalmannschaft und jene der Vereinigten Arabischen Emiraten aufeinander. Was das Besondere daran ist? Noch nie in der Geschichte trafen sich eine nationale Auswahl Israels und eines arabischen Staates zu einem sportlichen Kräftemessen. Nicht im Fußball, nicht im Eishockey, noch sonst eine Mannschaftssportart. Nun im Rugby - eine Sportart, die Grenzen öffnet und Vorurteile abbaut.

Jahrzehntelang boykottierten arabische Staaten sportliche Auseinandersetzungen mit Israel. Als Israel 1964 Fußball-Asienmeister im eigenen Land wurde, traten die arabischen Länder nicht an. 1978 wurde Israel aus alle Asien-Sportverbänden ausgeschlossen und fand erst 1991 nach Ende des Kalten Kriegs und des Boykotts der Sowjetunion in den europäischen Verbänden eine Heimat. Bei Olympischen Spielen weigerten sich arabische Sportler gegen israelische anzutreten. 1972 töteten islamische Terroristen bei den Spielen in München elf Sportler und Funktionäre der israelischen Auswahl.

Doch der über 70 Jahre alte Konflikt weicht auf. Sportlich, wie auch diplomatisch. Immer mehr arabische Länder erkennen Israel an. Die Emirate im August 2020. Ein Scheich aus dem Emiraten besitzt Anteile am sehr nationalistisch eingestellten jüdischen Fußballklub Beitar Jerusalem, der sich jahrelang weigerte, arabische Spieler aufzunehmen. Am 28. Oktober 2018 wurde der israelische Judoka Sagi Muki in Abu Dhabi Gewinner in der Kategorie bis zu 81 Kilogramm und erhielt eine Goldmedaille und die Nationalhymne Israels „HaTikwa“ wurde zu seinen Ehren zum ersten Mal in der Geschichte im Abu Dhabi-Stadion gespielt. Aber Länderspiele? Schienen undenkbar.

Rugby-Werte: Respekt, Toleranz, Fairness
Im Rugby geht es zuallererst um Respekt. Ja, einige der Spieler sehen aus als könnten sie durch eine Hausmauer laufen wie eine Stampede auf dass kein Gänseblümchen mehr steht. Dennoch gibt es weltweit wohl keine Mannschaftssportart, die derart auf gegenseitigen Respekt, Fairness und Achtung gepolt ist. Somit ist es eigentlich nur logisch, dass die erste sportliche Auseinandersetzung zweier nationaler Auswahlteams zwischen Israel und einem arabischen Land ein Rugby-Spiel sein musste.

Heute Abend in Dubai treffen die Olympia-Auswahl Israels und der Vereinigten Arabischen Emirate aufeinander. Olympia-Auswahl bedeutet, es sind die 7er-Mannschaften. Also sieben statt fünfzehn Feldspieler je Mannschaft. Zunächst jeweils die Länder gegeneinander, dann wird bunt durchgemischt. Mixed-Teams bestehend aus Spielern Israels und den Emiraten. „Wenn man bedenkt, dass wir uns vor wenigen Monaten noch als Feinde betrachteten“, sagt Israels Verbandspräsident Offer Fabian im „Krone“-Gespräch. „Friede äußerst sich in unterschiedlichsten Formen“, sagte Kapitän Gal Aviram. „Für mich gibt es nicht Besseres, als ihn mit einem Spiel Rugby zu manifestieren. Das Spiel, dass wir alle lieben. Gemeinsam mit unseren neuen Freunden und biblischen Verwandten.“

Annäherung zwischen Israel und den arabischen Staaten
Neben der sportlichen ist es auch eine diplomatische Mission. Seit August 2020 pflegen die Arabischen Emirate und Israel diplomatische Beziehungen. Die Annäherung hätte im Besuch von Premierminister Benjamin Netanjahu in Abu Dhabi letzte Woche einen ersten Höhepunkt finden sollen. Eine fehlende Überfluggenehmigung von Jordanien zwang Netanjahu zu einer Verschiebung.

Aber das israelische Rugby-Team kam. Seit Montag befindet es sich in Dubai bei einem gemeinsamen Trainingscamp mit den Spielern der Emirate. „Diese Tour ist mehr als ein Spiel“, sagte Teamchef Kevin Muzicant zur „Krone“. „Wir können der Welt zeigen, wie Sport, und ganz besonders Rugby, eine Brücke bauen kann.“ Kapitän Gal Aviram ist überzeugt: „Mit dieser gemeinsamen Woche senden wir ein leuchtendes Zeichen der Freundschaft an die Welt. Und ich bin stolz, unser Team als Kapitän anführen zu dürfen.“ Apollo Perelini, Trainer der Rugby-Auswahl der Emirate, möchte den Kampf gegen Israel zu einem jährlichen Wettbewerb machen. Muzicant hofft ebenfalls darauf, aber ergänzt gegenüber der „Krone“: „Ereignisse wie diese passieren im Leben nicht oft. Wir müssen sie respektieren, annehmen und auf ihnen aufbauen. Rugby kennt keine Grenzen.“

„Rugby Opens Borders“ - Preisgekröntes Projekt aus Österreich
Das weiß man auch in Österreich, wo im Zuge der Flüchtlingskrise 2015 Spieler des Vereins RU Donau Wien das Projekt „Rugby Opens Borders“ (Dt.: Rugby öffnet Grenzen) gegründet haben. „Um Krisen zu bewältigen und Grenzen zu überschreiten, ist Rugby die perfekte Sportart“, sagt Mit-Begründer Benni Dachler. Neben zahlreichen nationalen Preisen bekam Rugby Opens Borders 2016 den „Oscar“ verliehen. Auf der Gala des Weltverbands World Rugby in London wurde die Initiative mit dem Character Award ausgezeichnet.

Das Projekt fördert interkulturellen Austausch und Zusammenarbeit durch sportliche Herausforderung und bietet jungen Flüchtlingen und MigrantInnen die Möglichkeit, Teil der österreichischen Rugby Community zu werden. Unabhängig von Größe, Gewicht, Geschlecht oder Herkunft - jede und jeder ist im Rugbysport willkommen, heißt es dazu auf der Homepage. Dachler: „Die Rugby-Werte Fairness, Toleranz und Respekt stehen bei uns im Vordergrund. Wir vermitteln wie Vorurteile abgebaut und überwunden werden.“ Und es funktioniert. In Wien. In Jerusalem. Und in Dubai.

Clemens Zavarsky
Clemens Zavarsky
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