14.02.2021 17:57 |

Neues MeToo

Aufschrei über Inzest-Enthüllungen in Frankreich

Berichte über Inzest-Fälle, Pädophilie und sexuelle Übergriffe unter Studierenden sorgen in Frankreich für Empörung. Zahlreiche Missbrauchsopfer brachen nach dem Enthüllungsbuch von Juristin Camille Kouchner ihr Schweigen. Viele der mutmaßlichen Täter sind bekannte Persönlichkeiten der Pariser Elite aus Politik und Gesellschaft. Die Regierung plant nun ein Schutzalter für sexuelle Handlungen.

Kouchner veröffentlichte im Jänner ihr Buch mit dem Titel „La Familia grande“ („Die große Familie“). Darin wirft sie ihrem Stiefvater, dem bekannten Pariser Politologen Olivier Duhamel, vor, gegenüber ihrem damals minderjährigen Zwillingsbruder sexuell übergriffig geworden zu sein.

Duhamel war zwar nicht direkt auf die Vorwürfe eingegangen, hatte aber nach deren Bekanntwerden seine Funktionen niedergelegt. Kouchner löste mit ihrer Schilderung eine Debatte über Missbrauch aus, die in Frankreich in ihrer Intensität mit der weltweiten MeToo-Welle vor einigen Jahren vergleichbar ist.

In der Pariser Intellektuellen-Elite sollen die Missbrauchsvorwürfe längst bekannt gewesen und über Jahre dezent ignoriert worden sein. Was folgte, waren weitere Rücktritte - zuletzt nahm der Direktor der Elite-Uni Sciences Po, Frederic Mion, seinen Hut, nachdem er die Affäre zunächst einfach aussitzen wollte. Doch am Ende war der Druck wohl zu groß, unter den Studierenden regte sich massiver Protest. Mion hatte zuvor eingeräumt, dass er schon vor Jahren von Vorwürfen gegen Duhamel erfahren hatte

Opfer brechen nach Buchveröffentlichung ihr Schweigen
Im Netz teilten Opfer unter dem Schlagwort #MeTooInceste ihre Missbrauchserfahrungen innerhalb ihrer Familien. Sie sprechen von Schuldgefühlen und Machtlosigkeit. Einer Schätzung des Umfrageinstituts Ipsos zufolge sind zehn Prozent der Menschen im Land Opfer von Inzest. Die Mehrheit der Opfer: Frauen. Die aktuellen Vorwürfe treffen bekannte Schauspieler genauso wie Politiker - und beschäftigen mittlerweile auch die Justiz.

All diese schrecklichen Erfahrungen lösten eine Debatte über das Strafmaß aus: Volljährige, die mit Minderjährigen Sex haben, erhalten sehr oft nur eine milde Strafe oder werden sogar freigesprochen. Das Gericht entscheidet nämlich, ob der Minderjährige in der Lage gewesen ist, in die sexuelle Beziehung einzuwilligen. Dies soll sich mit der Einführung eines Schutzalters ändern. „Ein Akt der sexuellen Penetration, der von einem Erwachsenen an einem Minderjährigen unter 15 Jahren durchgeführt wird, wird als eine Vergewaltigung gewertet werden“, stellte Frankreichs Justizminister Eric Dupond-Moretti jüngst klar.

Prominente unterschrieben offenen Brief an Regierung
„Nachdem die Opfer die Kraft und den Mut gefunden haben, die Augen der Gesellschaft weit zu öffnen, können Sie, die die Gesetze machen, nicht die Einzigen bleiben, die sie teilweise verschließen“, heißt es in einem offenen Brief an die Regierung, den etwa Sängerin Carla Bruni, Schauspielerin Juliette Binoche und Fußball-Nationaltrainer Didier Deschamps unterzeichnet haben. Ihnen gehen die Versprechungen der Regierung nicht weit genug. „Wir können uns nicht mit Ihren kleinen Fortschritten zufriedengeben, dafür sind unsere Erwartungen viel zu hoch.“

Doch der Aufschrei in Frankreich geht über das bisherige Tabuthema Inzest hinaus. Zuletzt berichteten Studentinnen von sexualisierter Gewalt an der Elite-Hochschule Sciences Po. Sie gilt im Land als „Hochschule der Macht“ - Präsident Emmanuel Macron gehört ebenso zu den Absolventen wie Topmanager der Wirtschaft. Unter dem Hashtag #SciencesPorcs - ein Wortspiel mit dem französischen Wort für Schwein - porc - teilen sie ihre Erlebnisse.

Die Studentinnen prangern sexistisches Verhalten und sexuelle Gewalt, einschließlich Vergewaltigung, an und werfen der Univerwaltung vor, die Täter - Studenten oder Professoren - zu schützen. Bisherige Maßnahmen seien offenbar nicht ausreichend gewesen, reagierte nun etwa die Sciences Po in Straßburg. „In der Tat muss das Schweigen gebrochen werden und diese Tatsachen werden keineswegs auf die leichte Schulter genommen.“ Die Wut im Land - sie indes hält an.

Quelle: APA

Harald Dragan
Harald Dragan
Kommentare

Liebe Leserin, lieber Leser,

die Kommentarfunktion steht Ihnen ab 6 Uhr wieder wie gewohnt zur Verfügung.

Mit freundlichen Grüßen
das krone.at-Team

User-Beiträge geben nicht notwendigerweise die Meinung des Betreibers/der Redaktion bzw. von Krone Multimedia (KMM) wieder. In diesem Sinne distanziert sich die Redaktion/der Betreiber von den Inhalten in diesem Diskussionsforum. KMM behält sich insbesondere vor, gegen geltendes Recht verstoßende, den guten Sitten oder der Netiquette widersprechende bzw. dem Ansehen von KMM zuwiderlaufende Beiträge zu löschen, diesbezüglichen Schadenersatz gegenüber dem betreffenden User geltend zu machen, die Nutzer-Daten zu Zwecken der Rechtsverfolgung zu verwenden und strafrechtlich relevante Beiträge zur Anzeige zu bringen (siehe auch AGB).