08.02.2021 14:56 |

Wegen Corona-Krise

Immer weniger „geeignete Bewerber” für Lehrstellen

Vier von zehn Firmen würden derzeit keine geeigneten Lehrlinge finden, erklärte eine heimische Wirtschaftsinitiative am Montag. Ein Grund dafür sei in der Corona-Krise begründet - einerseits gebe es dadurch zu wenig Berufsorientierung, andererseits sei auch die „Qualität der Bewerber“ schlechter geworden. Die Initiative forderte nun ein Auslaufen der Corona-Aufstiegsklausel an den Schulen.

Die österreichischen Firmen haben ihre Einstellpläne trotz Corona-Krise wieder auf Normalniveau angehoben. Dabei offenbaren sich jedoch akute Probleme bei der Suche nach geeigneten Lehrlingen im Land. Vor allem in den industriestarken Bundesländern mangle es an geeigneten Bewerbern, zu denen auch Schulabbrecher gehören.

Viel weniger Bewerber im Herbst
„Durch die Pandemie ist die Situation noch kritischer geworden“, sagte Werner Steinecker, Generaldirektor der Energie AG in Oberösterreich und Präsident der Initiative „Zukunft.Lehre.Österreich“ (ZLÖ) am Montag in Wien. Während dank des Lehrlingsbonus der Regierung die Zahl der Lehrstellen weitgehend stabil geblieben sei und der befürchtete Einbruch ausblieb, zeige sich seit dem Herbst, dass es viel weniger Bewerber gibt.

„Derzeit Sand im Getriebe”
Wie eine aktuelle Umfrage des Linzer Market Instituts zeigt, sind vor allem Schnuppertage, Berufsinformationsmessen und die Vorstellung von Betrieben aus der Region in der Schule die drei mit Abstand wichtigsten Informationsquellen bei der Berufswahl. Nichts davon war wegen der Lockdowns zuletzt möglich. „Da ist derzeit Sand im Getriebe“, sagte Studienautor David Pfarrhofer. Es sei im Home-Schooling auf die Berufsvorbereitung vergessen worden. Dazu komme, dass der Bewerbungsprozess durch Corona erschwert wurde und der Kontakt zu den Schulen verloren ging.

Kritik an Aufstiegsklausel
Die Initiative beklagt auch, dass die Qualität der Bewerber schlechter geworden sei und sich die Firmen schwertun, geeignete Kandidaten zu finden. Jeder zweite Betrieb sagt, er habe heuer weniger Bewerber von HTL, HAK und Gymnasium. Dies werde auf zu wenig Leistungsdruck in der Schule zurückgeführt und darauf, dass ein Sitzenbleiben aktuell in der Pandemie unwahrscheinlich sei. 

Im vergangenen Schuljahr war wegen des Coronavirus das Aufsteigen trotz „Nicht genügend“ gelockert worden. „Es fehlen uns jetzt die, die sich neu orientieren wollen“, so Steinecker. Es dürfe daher „keine weitere Fortsetzung dieser Aufstiegsklausel“ geben.

Schüler bleiben wegen Krise lieber in der Schule
Viele Schüler und Eltern hätten auch den Eindruck, aufgrund der Krise sei die Lehrstellensuche schwieriger und der Verbleib an der Schule daher die bessere Wahl. Hier vermittle die hohe Arbeitslosigkeit aber einen falschen Eindruck.

Mangel an Grundkenntnissen
KTM-Chef Stefan Pierer, ebenfalls Teil der Initiative ZLÖ, beklagt eine Nivellierung der Ausbildung nach unten und einen generellen Werteverfall - Stichwort Lesen, Schreiben, Rechnen, Grüßen und Bitte und Danke sagen. Der Motorradhersteller sucht derzeit 300 Fachkräfte, die nicht zu finden seien. Die Lehrlingsausbildung sei die einzige Chance, das ansatzweise auszugleichen. KTM will die Zahl der Lehrlinge von rund 300 auf über 400 in den nächsten Jahren erhöhen, sie seien aber momentan schwer zu finden.

Auch Gerhard Zummer, Leiter der Lehrlingsausbildung bei Siemens Österreich, spricht von Mängeln in der Schulausbildung. Ein weiteres Problem sei, dass sich Mädchen nach wie vor wenig für technische Berufe in der Industrie interessieren und viele Bürokauffrau oder Einzelhandelskauffrau vorziehen.

Kandidaten ungleich verteilt
Ungelöst ist das Problem, dass es im Westen Österreichs zu viele offene Lehrstellen für zu wenige Kandidaten gibt, während es im Osten um die Bundeshauptstadt genau umgekehrt ist. Dort gibt es zu wenig offene Lehrstellen und einen Überhang an Bewerbern. Pierer beklagte auch, dass Wiener Jugendliche kaum bereit seien, für eine Lehrstelle bei KTM nach Oberösterreich zu übersiedeln. Generell habe die Mobilität und die Bereitschaft der Arbeitnehmer, den Wohnort zu wechseln, „dramatisch abgenommen“.

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