31.12.2020 14:00 |

Tiroler Expertise

Einsam im Alter: Die Sehnsucht nach Nähe

Einsamkeit ist ein Thema, das viele Menschen betrifft. Vor allem Senioren leiden darunter. Die Corona-Pandemie und mit ihr Verbote verstärken auch zum Jahresfinale das Problem.

"In diesem Lockdown geht’s mir zumindest ein bisschen besser, weil ich weiß, dass jetzt alle anderen auch isoliert und einsam sind“, sagt ein Anrufer bei der Telefonseelsorge in Tirol im März. Er ist nicht der einzige, dem es so ergangen ist. Viele Menschen leben alleine – so zum Beispiel auch immer mehr Senioren. Doch um einsam zu sein, muss man noch lange nicht alleine sein.

Nicht allein, trotzdem unverstanden
„Es gibt Menschen, die sind einsam, leben aber in einer Familie“, weiß Astrid Höpperger, Leiterin der Telefonseelsorge in Tirol, „sie erzählen, dass die anderen Familienmitglieder anteilnahmslos sind und sie sich unverstanden fühlen.“

16.000 Anrufe im Jahr erreichen die Seelsorge in Tirol. Vielleicht wären es sogar noch mehr, wenn die Kapazität der Seelsorge damit nicht ausgeschöpft wäre. Zudem melden sich noch viele über Mail oder Chat - über Letzteres vor allem Jüngere. Ein Viertel der Anrufer leidet unter Einsamkeit - somit liegt das Thema an der wortwörtlichen einsamen Spitze der Belastungen für die Tiroler. Auf Platz zwei folgen schon Beziehungsprobleme, die in weiterer Folge wiederum Einsamkeit auslösen können.

Privat und doch politisch
„Einsamkeit im Alter“ war das Thema der aktuellen Stunde im Innsbrucker Dezember-Gemeinderat. Über mögliche Begegnungszonen zwischen Alt und Jung wurde debattiert, generationsübergreifendes Wohnen wäre so eine Idee. Die Leiterin der Telefonseelsorge in Tirol findet jede Form der sozialen Begegnung begrüßenswert.

Auch wenn sie zu bedenken gibt, dass manche Menschen, die unter Einsamkeit leiden, auch schwere Belastungen auf ihren Schultern tragen – ein Zuhörer, der sich selbst zurücknehmen kann und in diesem Bereich ausgebildet ist, wäre eventuell besser geeignet.

Eine erwähnenswerte Initiative ist das „Haus im Leben“ im Westen von Innsbruck – ein Haus mit privaten Wohnungen und großzügigen Gemeinschaftsräumen, wo ein Zusammenkommen möglich ist. Auch im ersten Lockdown hat man gemerkt, wie schnell sich in Krisensituationen soziale Projekte entwickeln, so gingen etwa vermehrt junge Menschen für ihre älteren Nachbarn einkaufen, damit diese sich nicht der Gefahr einer Coronainfektion aussetzen mussten. Auch über das Internet wurde zunehmend Nachbarschaftshilfe angeboten (siehe unten).

Einsam an Feiertagen
Doch Einsamkeit ist bei Weitem nicht nur ein Problem des Alters, „sie zieht sich quer durch alle Altersschichten“, erzählt Höpperger. Besonders an den Feiertagen, wie rund um Weihnachten und Neujahr, fühlen sich Menschen verstärkt einsam, weil zu dieser Zeit im Jahr der Wunsch nach Friede, Glück und Harmonie besonders ausgeprägt ist.

Außerdem schreibt die Vergangenheit auch oft mit goldener Feder. „Man neigt dazu, die Vergangenheit zu verklären, als wären Festtage im Kreis der Familie immer harmonisch gewesen, obwohl es das vielleicht gar nicht immer war“, schildert die Tiroler Seelsorgerin.

Silvester sei auch die Zeit der persönlichen Abrechnung mit dem Jahr. Wenn manch einer den Schluss ziehe, dass er das ganze Jahr über schon unglücklich und einsam war, könne das niederschmetternd sein.

Immer wieder neue Initiativen
Doch das Thema findet verstärkt Gehör, wie man an der Aktuellen Stunde des Innsbrucker Gemeinderates sieht. Auch gibt es immer wieder neue Initiativen sowie Ideen, wie man das Problem der Einsamkeit in Zukunft in den Griff bekommen kann. Damit sich niemand über die Isolation des Corona-Lockdowns freuen muss, weil dann „alle anderen auch einsam sind“.

Nadine Isser, Kronen Zeitung

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