23.08.2020 08:00 |

Schlagfertig

Die Früchte der Arbeit ernten

Nun ist es fast soweit. Zum Ende der, in jeder Hinsicht außergewöhnlichen Salzburger Festspiele, wollen wir am 28. August mit drei Klassikern des Schlagzeug-Repertoires einen akustischen Ausnahmezustand im Großen Festspielhaus erreichen. Werke von solcher Radikalität, Ungeschminktheit, Kompromisslosigkeit und gleichzeitiger kompositorischer Genialität, die uns Interpreten die pure Freude bescheren.

Mit Wolfgang Rihm, Iannis Xenakis und Steve Reich können wir in diesem Konzertprogramm Komponisten interpretieren, die längst ihren Platz im musikgeschichtlichen Kanon gefunden haben. Und das ist bei einem so jungen Solo-Instrument, wie dem klassischen Schlagzeug, doch höchst selten. Rihms Tutuguri Poème Dansé Bild 4 ist für mich ein Meisterwerk. In seiner Komplexität kaum zu erfassen, verliert und verliebt man sich beim Studieren der Partitur selbst nach vielen Jahren immer wieder in die kleinsten Details, die in wirklich jedem Takt des Werks stecken. Seit vielen Wochen probiere ich mit meinen Kollegen an diesem Werk. Keine Note wird für selbstverständlich gehalten. Jede Wahl der Instrumente, Felle, Schlägel wird hinterfragt.

Dabei entsteht Kammermusik, die vermutlich nicht einmal der Komponist so erwartet hätte. In jedem Takt existieren bis in die kleinsten rhythmischen Einheiten und Überschneidungen, die präzise im Hundertstelsekundenabstand gespielt werden müssen.

Dabei entsteht - bei ausreichendem Studium des Werks - Kammermusik, die atmet, zueinander findet und gleichzeitig in seiner Wucht und Radikalität ganz im Sinne Antonin Artauds, dessen Erfahrungen eines wilden Selbsterfahrungstrips bei den mexikanischen Tarahumara-Indianern mit gesungenen Gedichten in diesem Werk Niederschlag findet, ein Klangpanorama ohne Rücksichten, Konventionen, Ideale oder gar Regeln. Zuhörer und Musiker werden einzig und allein vom Pulsschlag des Rhythmus beherrscht.

Mit Pleiades von Iannis Xenakis steht ein weiteres Meisterwerk auf dem Programm. Ein Schlagzeugwerk in symphonischer Länge. Xenakis, der zugleich auch Mathematiker und Architekt war, lässt dies in seinen Partituren durchgehend erkennen und einfließen. Man kann das Werk in unserem Genre vermutlich als Opus Magnum bezeichnen. Studiert man die Partitur, analysiert man die einzelnen Stimmen, so ist es in seiner Komplexität kaum greifbar. Und doch sehe ich es als unsere Aufgabe, es für das Publikum erfahrbar, nahbar und spürbar zu machen. Darauf haben wir in den letzten Wochen viel Zeit investiert.

Und auch in der Besetzung meines Ensembles bricht mit diesem Konzert eine neue Zeitrechnung an. Als ich vor zwei Jahren am Salzburger Mozarteum die Professur für klassisches Schlagzeug übernommen habe, wollte ich langsam eine Klasse aufbauen, die einen gemeinsamen Spielstil, eine gemeinsame Interpretations-Philosophie teilt. Und nun stehen wir auf der Bühne mit Musikerinnen und Musikern, die alle Teil dieser Klasse sind.

Junge Leute, die leidenschaftlich für diese Musik und das Ziel, ihr vor großem Publikum zum Durchbruch zu verhelfen, brennen. Die täglich 14 Stunden Probezeit investieren und gemeinsam mit mir versuchen, in diesen Werken die musikalischen Außergewöhnlichkeiten zu finden.

Junge Schlagzeugerinnen und Schlagzeuger, die in ihrer individuellen Klasse absolutes Festspielniveau repräsentieren und dies in diesem Konzert auch zeigen werden. Es macht große Freude, gemeinsam mit meinen Lehrenden-Kollegen Guido Marggrander (Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks), Erwin Falk (Wiener Philharmoniker), meinem Vater und Florian Müller am Mozarteum langsam den „Salzburger Weg“ zu etablieren. Nach zwei Jahren wollen wir nun die ersten Früchte dieser Arbeit ernten. Die Musik unserer Zeit, interpretiert von Musikerinnen und Musikern einer neuen Generation. Spannend wird es jedenfalls.

 Salzburg-Krone
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