Pflegemutter angeklagt

Aus Lacke getrunken: Kind fast verdursten lassen

Das Mädchen, damals sieben Jahre alt, konnte nicht einmal mehr die Stufen in ihrer Volksschule hinaufsteigen. Es war zu schwach. Knapp 13 Kilogramm wog es - genau so viel, wie es im Alter von 15 Monaten gewogen hatte, als es zur Pflegemutter nach Niederösterreich gekommen war. Ein Prozess in St. Pölten, der fassungslos macht. Und viele Fragen offen lässt.

Es war ein „sterbendes Kind“, als es endlich im Spital aufgenommen worden war, wird Gutachter Salvatore Giacomuzzi später sagen. Und dass so ein Untergewicht gar nicht möglich ist ohne ständige Nahrungskarenz. Dass es so hungrig und durstig war, dass es von den Mitschülern die Jause stibitzte. Und aus einer Regenlacke getrunken hat.

Mädchen eingesperrt, geschlagen, mit Handschellen ans Bett gefesselt
Angeklagt ist die Pflegemutter. Sie hatte das Mädchen neben ihren drei eigenen, fast erwachsenen Kindern angenommen. Der Fassungslosigkeit, auch ihrer eigenen, versucht die Staatsanwaltschaft Worte zu verleihen. Schildert, dass die Kleine jahrelang nicht nur nicht geduscht, gekämmt, mit frischer Wäsche versorgt worden sei, sondern auch eingesperrt, geschlagen und mit Handschellen ans Bett gefesselt gewesen sein soll. Eindeutige Male hätten dies bewiesen! Und wenn wem etwas aufgefallen war im Kindergarten, wurde dieser rasch gewechselt.

Der Akt ist dick, voller Berichte, auch des Jugendamtes. Eingeschritten ist aber nie jemand, Ermittlungen wurden unverständlicherweise eingestellt. Erst eine beherzte Lehrerin schlug dermaßen Krach, dass es zur Anzeige - und jetzt zum Prozess kam ...

Die Pflegemutter, die will das alles nicht verstehen. Sie hätte doch eh ihr Möglichstes getan, sei bei Kinderärzten gewesen. Sie wisse auch nicht, warum das Kind diese Grausamkeiten behauptet.

„Die Kleine stand unter Ihrer Obhut“
Der Richter hat viele Fragen dazu: „Das Kind, lebensbedrohlich untergewichtig und viel, viel zu klein für sein Alter, war in einer massiven Notlage. Warum dauert das Wochen, bis es endlich ins Spital kommt?“ Lapidare Antwort: „Die Wartezeit war halt so lang.“ Herrn Rat fehlt wie jedem im Saal das Verständnis: „Die Kleine stand unter Ihrer Obhut. Sie können das Ganze nicht erklären, das Mädchen aber schon!“ Jetzt ist es in einer Wohngruppe, ist mehr als fünf Zentimeter gewachsen und hat sein Gewicht fast verdoppelt. Innerhalb weniger Monate. - Vertagt.

Gabriela Gödel, Kronen Zeitung

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