24.07.2020 14:22 |

Überraschungsalbum

Taylor Swift: Sanfte Rückbesinnung mit „Folklore“

Aus dem Nichts heraus kündigte Taylor Swift Donnerstag auf ihren Social-Media-Kanälen die Veröffentlichung ihres achten Albums „Folklore“ an. In 16 Songs besinnt sich der Superstar auf seine Wurzeln und begeistert mit nebulöser Melancholie und dezenter Instrumentierung. 

Nein, mit zwei Gerüchten kann man gleich zu Beginn aufräumen. Erstens: auch wenn das herbstlich-mystische Cover-Artwork es andeutet, Superstar Taylor Swift geht auf „Folklore“ nicht den Weg gen Black Metal. Zweitens: Dass sie ihr neues Album am gleichen Tag wie Quasi-US-Präsidentschaftskandidat Kanye West veröffentlicht mag vielleicht an ihren langanhaltenden Beef erinnern, in den 63 Minuten neuer Musik ist aber kein Seitenhieb gegenüber Kanye zu hören. Gut so, denn damit vermittelt die 30-Jährige auch die notwendige Souveränität, sich nicht auf das tiefe Niveau des erfolgreichen Rappers herabzulassen. Alles andere ist aber ein kurzfristiger Marketing-Stunt, wie ihn nur das digitale Zeitalter hervorbringen kann. Ganze 17 Stunden vor Veröffentlichung ihres Albums hat sie ebenjenes in den sozialen Medien angekündigt. Zur Überraschung ihrer Fans und der eigenen Plattenfirma. Aber so ist das nun einmal bei den ganz Großen, sie machen sich ihre eigenen Regeln, wie zuletzt schon Lady Gaga, Frank Ocean und Co. vorgezeigt haben.

Sanft statt schrill
Vor der Corona-Pandemie, gab Swift zu, hätte sie viel länger darüber nachgedacht, wann der ideale Zeitpunkt zur Veröffentlichung neuer Musik wäre. Nur um dann zur wichtigsten Erkenntnis zu kommen: „Die meisten Dinge, die ich für diesen Sommer geplant habe, sind nicht passiert. Dafür ist etwas passiert, was ich nicht so geplant hätte.“ Statt dem großen Headliner-Auftritt am Glastonbury Festival und einer Hitparade auf der Berliner Waldbühne nun also 16 zurückgelehnte Singer/Songwriter-Stücke, die mit Aaron Dessner von der Indie-Institution The National entstanden sind. Das letzte Studioalbum „Lover“, das Swift diesen Sommer global und pompös präsentieren wollte, ist noch nicht einmal ein Jahr alt, aber besondere Zeiten erfordern besondere Maßnahmen.

„Folklore“ mutet aber nur auf den ersten Blick als Rückbesinnung auf die alten Tage an. Wir drehen den Film der Zeit etwas zurück: Taylor Swift zog im Alter von 14 Jahren mit ihrer Familie in die Country-Hauptstadt Tennessee, um dort die ersten Schritte zur Weltkarriere zu machen. Über die Jahre rutschte sie immer mehr in den Mainstream-Pop. Unvermittelbar sei sie in Liebesdingen hieß es in den Medien, immer wieder wurden gescheiterte Liebschaften, Dates und Beziehungen zum Inhalt ihrer Songs. Diese wurden meist knallig produziert und für die ganz großen Bühnen in Stadien gefertigt. Aus der zierlichen Blondine von nebenan wurde ein lasziver Vamp mit Weltstarcharakter, der nicht nur die Werbetrommel geschickt zu schlagen weiß, sondern sich auch selbst perfekt inszeniert und im Social-Media-Zeitalter das ideal funktionierende Gegenteil ihres Lebensmenschen Ed Sheeran ist.

Eindrucksvolle Schönheit
Der Gegenwart entsprechend hat Swift das Tempo gedrosselt und ist hart auf die Bremse gestiegen. „Folklore“ bietet an, was es im Titel verspricht: zurückgelehnte Songs mit viel Gefühl für Melodie und Melancholie. Geschichte aus der Kindheit, nostalgische Erinnerungen, Rückbesinnung. Zarte Gesangslinien, reduzierte Instrumentierung und eine bewusste Akzentuierung auf das Wesentliche: den Kern eines Songs, ohne Pomp und Gloria, dafür mit Gefühl und Liebe. Die Brotkrumen streute Swift ansonsten vor dem Release eines Albums, dieses Mal legt sie die zarten Spuren innerhalb der Songs. Nicht alle, aber viele Songs sind von Aaron Dessner und dessen Bruder Bryce produziert. Das fällt vor allem bei den filigranen Arrangements ins Gewicht, die eine eindeutige Indie-Gewichtung in den Vordergrund stellen, ohne aber den Mainstream-Anspruch der Künstlerin zu schmälern. Die ungeschminkte Schönheit von Songs wie „August“, „The Last Great American Dynasty“ oder „Epiphany“ ist wahrlich eindrucksvoll.

Besonders herausragend ist natürlich „Exile“, die Kooperation mit Indie-Gott Bon Iver aka Justin Vernon, auf dem Taylor Swift durch Zurückhaltung beweist, dass ihr die leisen Töne besser stehen als der opulente Krach ihres musikalischen Alltags. Dass die Songs manchmal nach waschechten National-Nummern klingen, bei dem statt Matt Berningers dunklem Rotwein-Timbre einfach ein femininer Engel drübersingt, lässt sich in vielen Momenten nicht wegleugnen. Natürlich sind die Tracks mit ihrem langjährigen Songwriting-Partner Jack Antonoff gemeinhin poppiger und offensichtlich zugänglicher. Zwischen einem Antonoff-Song wie „Mirrorball“ und einem emotionalen Dessner-Moment wie der Single „Cardigan“ stecken die Unterschiede im Detail - dort aber sehr deutlich herausfilterbar. Erst Ende April hatten sich Swift und Dessner aus der Quarantäne heraus zusammengesprochen, um an Songideen zu feilen. Dass er dann gleich elf Songs mit ihr komponieren würde, die wie aus einem Guss klingen und das untrügliche Hit-Gespür beinhalten, hätten sich anfangs beide nicht gedacht.

Perfektes Herbstalbum
So politisch und gesellschaftskritisch die Künstlerin in den letzten Monaten auf allen Plattformen auftauchte, so ruhig bleibt sie auf „Folklore“. Themen wie die US-Präsidentschaftswahl, gesellschaftliche Spaltungen oder der nicht enden wollende Rassismus haben überraschenderweise keinen Raum bekommen. Der Indie-Folk von Taylor Swift im Jahr 2020 besteht aus Erinnerungen, Erfahrungen, Rückblenden, etwas Fiktion und schwelgerischen Tagträumen, wie man sie am besten an lauen Sommerabenden im taufrischen Wiesengrün am Waldesrand verspürt. Von der augenzwinkernden Furie zu „Reputation“-Zeiten (2017) ist so gut wie nichts zu hören, Swift reicht uns in den Corona-Monaten das metaphorische Rotweinglas, umarmt uns und spendet den Trost, den sie manchmal auch selbst braucht. Das perfekte Herbstalbum, das zwei Monate zu früh kommt. Bleibt nur noch die Frage, ob hinter den Songwriting-Credits zu William Bowery tatsächlich die große Joni Mitchell steckt, wie im Internet gemunkelt wird. So ganz ohne Rätsel wäre es ja auch fad…

Robert Fröwein
Robert Fröwein
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