19.07.2020 11:00 |

Steiermark History

Mit acht Ähren wurden die Korngeister besänftigt

Das Überleben unserer Ahnen hing meist vom Ertrag der Ernte ab: Um Sturm und Hagel abzuwehren und Dämonen gnädig zu stimmen, griff die bäuerliche Bevölkerung der Steiermark oft zu magischen Ritualen.

Seine Augen leuchteten glühend rot, der Mund war feurig, das Gesicht pechschwarz. Mit seinem riesigen Stock und einem breitkrempigen Hut am Kopf zog der gefürchtete Korndämon über die Felder. Jene Bauern, die den teuflischen Geist einmal zu Gesicht bekommen haben wollen, beschrieben ihn sowohl als greisen Mann als auch als kleinen Zwerg. Angsteinflößend war er immer.

Unwetter bedrohten die Ernte
In früheren Zeiten ebenfalls gar nicht gern gesehen war die alte Kornmutter, die versteckt im Getreide saß oder wild über die Felder ritt. Beide Dämonen galt es zu besänftigen, wenn schlimme Unwetter die Ernte bedrohten und die bäuerliche Bevölkerung nicht Hunger leiden wollte. So achteten unsere Ahnen jedes Jahr vor allem im Juli auch besonders genau auf die Vorgänge in der Natur, da der siebente Monat als einer der wichtigsten im gesamten Bauernjahr galt: In dieser Zeit reifte das Getreide heran, von dessen Gedeihen das Überleben abhing. Mit bangen Gesichtern beobachteten unsere Vorfahren deshalb schon im Frühjahr davor den Wuchs des kleinen Hungerblümchens: Trat es in rauen Mengen auf, drohten Missernten und knurrende Mägen.

Eine magische Mauer beschützte das Feld
Spannung lag ebenso in verschiedenen, geheimnisvollen Ernte-Orakeln. Am 4. Dezember, dem Barbaratag, blickten unsere Vorfahren häufig via so genannter Tellersaat in die verschwommene Zukunft: „Weizenkörner wurden dabei auf ein Teller gelegt und gewässert. Keimten sie bis Weihnachten auf, stand im kommenden Jahr eine gute Ernte ins Haus“, erklärt der bekannte steirische Kultur- und Sprachwissenschafter Günther Jontes.

Aber man überließ nicht alles dem Zufall, „sondern fragte sich, wie man den Acker beschützt, auf dem alles wächst“, sagt der Universitätsprofessor aus Leoben. Deshalb ist auch ein besonderes steirisches Palmsonntagsritual überliefert. Burschen steckten Palmzweige in die vier Ecken des Ackers: „Man wollte so eine magische Mauer errichten, um das Feld zu beschützen“, weiß Günther Jontes.

Gebete und Formeln bei der Aussaat
Die Aussaat und spätere Ernte glich anno dazumal einer kultischen Handlung. Beim Säen sprach man Gebete und Formeln, in vielen Gegenden gab es zudem Lärmzauber: Ehe nicht die Dorfglocke läutete, durfte die Mahd nicht beginnen. Daneben sollten Peitschenknallen und Schüsse die dunklen Dämonen verjagen. Um nicht von bösen Geistern verwünscht zu werden, sollte der Bauer schweigend zum ersten Kornschnitt schreiten. So ließ man auch, um die Korngeister zu beschwichtigen, acht Ähren am Feld stehen. Oft wurden der Kornmutter drei geerntete Ähren zugeworfen.

Jörg Schwaiger
Jörg Schwaiger
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