24.05.2020 08:00 |

Schlagfertig

Martin Grubinger: Gegen alle Widerstände

John F. Kennedy hatte es am Beginn seiner Präsidentschaft schwer. Er hatte das Desaster in der Schweinebucht, einer der vielen Versuche, Fidel Castro militärisch zu stürzen, zu verantworten. Die Spannungen mit Russland nahmen zu, überall auf der Welt musste das Vordringen des Kommunismus gestoppt und bekämpft werden. Dazu wurde man regelmäßig mit großem Aufsehen bei der Erkundung des Weltalls von den Sowjets gedemütigt. Sputnik 1 und 2. Danach Yuri Gagarin als erster Mensch im All. Kennedy hatte genug.

Um im All das Prestige einer Supermacht zurückgewinnen zu können, ließ er das bis dahin größte Abenteuer der Menschheit auf den Weg bringen. Mercury, Gemini und Apollo. Raumfahrtprogramme, die am Ende den ersten Menschen auf dem Mond landen lassen würden. Kennedys Probleme waren vielfältig: Die Amerikaner waren technisch weit unterlegen, hatten kaum Infrastruktur, um ein derartiges Programm anzuschieben und die Bevölkerung war, ob der immensen Kosten, mehrheitlich gegen das Unterfangen. Politische Entscheidungen dieser Tragweite, vorerst gegen die Mehrheitsmeinung? Ein riskantes Manöver.

Einige Jahre später kniete Deutschlands Kanzler Willy Brandt vor dem Mahnmal der im Warschauer Ghetto ermordeten Juden und eröffnete damit das Tor zur Entspannung mit den damaligen Warschauer-Pakt-Staaten.

Die Meinung der Bevölkerung in Deutschland stand gegen Brandt. Eine große Mehrheit lehnte den Kniefall als politisches Symbol kategorisch ab. Brandt blieb dabei und schrieb Geschichte.

Wiederum 20 Jahre später erkannte der unermüdliche Europäer Helmut Kohl die einmalige Chance, Deutschland zu vereinen. Gegen alle Widerstände, speziell in Westdeutschland, nutzt er das politische Zeitfenster und wird damit der Kanzler der Einheit.

Vier Jahre später weiß eine Politikergeneration der in Österreich oftmals zu Unrecht gescholtenen großen Koalition, dass Österreichs Zukunft nur in einem vereinten Europa als Mitglied der Europäischen Union gesichert werden kann.

Mit Zusammenhalt und dem notwendigen Geschichtsbewusstsein wird, gegen das Aufkommen des bereits grassierenden Haider-Populismus, Österreich ein Teil dieses Erfolgsprojekts. Vranitzky, Busek, Ederer, Schüssel, Mock. Diese Politiker standen mit ihrem Mut und visionären Denken den Großen wie Kennedy, Brandt und Kohl um nichts nach.

25 Jahre später erkennen die politischen Führer Deutschlands, Frankreichs, Spaniens und Italiens die Notwendigkeit grundlegender Fortschritte innerhalb der Union. Der Kontinent, schwer getroffen von der Pandemie, verlangt nach Politikern, die das Richtige und Notwendige tun. Persönlichkeiten, die sich von den unzähligen Meinungsumfragen lösen, den Nationalismus als Gift für den wirtschaftlichen, politischen und sozialen Zusammenhalt erkannt haben und ihre europäische Bevölkerung schützen wollen. Denn allen ist bewusst, wie tief diese Krise geht.

In den Geschichtsbüchern werden den Mutigen, den Weitsichtigen, den Humanisten große Kapitel gewidmet. Die Kleingeister sind bloß die historischen Fußnoten.

Die jetzige Generation der Staats- und Regierungschefs Europas wird, wie kaum eine andere Generation zuvor, eine gewaltige Last auf ihren Schultern zu tragen haben. Nichts weniger als der Zusammenhalt unseres Kontinents steht auf dem Spiel. Krieg und Frieden, der technologische Fortschritt, die Sicherheit der europäischen Bevölkerung, die Bildung unserer Kinder, Arbeit für alle, der Kampf gegen die größte Bedrohung unserer Zeit, den Klimawandel, das dringende symbolische Gefühl eine Nation zu sein, das Bild, das die Vereinigten Staaten von Europa in der Welt zeigen, ihre moralische Integrität, ihr Ansehen, ihre Vorbildfunktion. Alles das und noch viel mehr wird von den verantwortlichen Kräften in diesen Tage erwartet. Bleibt die Frage: Auf welcher Seite stehen sie und wir?

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