01.02.2020 18:00 |

Schauspielhaus Graz

Traumatisierte „Vögel“ können nicht fliegen

Der gordische Knoten des Nahostkonflikts dient Wajdi Mouawad in seinem Erfolgsstück „Vögel“ als Rückgrat für ein Familiendrama, in dem die Liebe hoffnungslos gegen ein Gefühl der kulturellen und religiösen Zugehörigkeit ankämpft. Sandy Lopičić hat das Stück im Grazer Schauspielhaus in wuchtigen Bildern inszeniert.

Als sich der jüdische Genetiker Eitan (Frieder Langenberger) und die arabische Historikerin Wahida (Katrija Lehmann) in einer New Yorker Bibliothek ineinander verlieben, scheinen ihre kulturellen Wurzeln ohne Bedeutung zu sein. Doch schon bald holt ihr Erbe sie ein: Eitans Vater (Mathias Lodd) lehnt die Beziehung vehement ab, seine Mutter (Susanne Konstanze Weber) kann mit psychotherapeutischen Floskeln die Eskalation auch nicht verhindern. Nur der Großvater (Gerhard Balluch), ein Überlebender des Holocaust, zeigt Verständnis für die Liebe.

Thrillerhafte Familiengeschichte
Als das junge Paar nach Israel reist und Eitan einem Bombenanschlag zum Opfer und in ein Koma fällt, kippt die Geschichte ins Thrillerhafte. Rund um das Krankenbett kommen Familiengeheimnisse ans Tageslicht, an denen auch Eitans Großmutter Leah (Beatrice Frey) beteiligt ist.

Mouawads poetische Bemühungen, den Nahostkonflikt in all seiner Komplexität in die Geschichte einer Familie zu packen, sorgen für spannende philosophische Momente, machen das Stück mitunter aber auch ziemlich ideenschwer: Über weite Strecken der ersten Hälfte wirken die Figuren weniger wie echte Menschen, sondern wie Repräsentanten von Ideologien und Stellvertreter von Generationen. Nur langsam entwickeln sie sich zu glaubhaften, fühlbaren Individuen.

Grandioses Bühnenbild
Das unterstreicht Regisseur Sandy Lopičić, indem er vor allem auf die bildhafte Wucht der Inhalte und auf die treibende Kraft der Musik von Raphael Meinhart, Miloš Milojević und Sašenko Prolić setzt. Die zentrale Frage des Stücks, inwieweit sich die Traumata der Geschichte in der DNA eines Einzelnen fest- und weiterschreiben, machen er und Ausstatterin Vibeke Andersen in einem grandiosen Bühnenbild sichtbar: Die Figuren bewegen sich in einem und um einen gigantischen Glaskasten in der Form eines Y-Chromosoms. Ganz wörtlich dreht sich alles um das Erbgut, das langsam freigelegt wird und das man doch nie ganz versteht.

Gute Ensembleleistung
Als Romeo und Julia des Nahostkonflikts stehen Katrija Lehmann und Frieder Langenberger im Zentrum. Eindrucksvoll lassen sie ihre Figuren auf der Suche nach Halt von naiver Hoffnung zu wütender Verzweiflung kippen. Eine Chance abzuheben wie die titelgebenden „Vögel“ haben sie nie.

Mit erschütternder Konsequenz klammern sich Mathias Lodd und Susanne Konstanze Weber als Eitans Eltern an längst verlorene oder nie dagewesene Identitäten. Gerhard Balluch berührt als verständnisvoller Großvater, Beatrice Frey hat als schonungslose Großmutter die Lacher auf ihrer Seite. Anna Szandtner, Hayder Wahab und Niko Link vervollständigen das Ensemble.

Wie ein gordischer Knoten liegen Familiengeschichte und Nahostkonflikt letztlich als „Fehlgeburt einer gewaltigen Hoffnung“ vor einem und man versteht: Es kann keine Lösung geben, wenn nicht einmal die Liebe eine Chance hat. Ein Abend von ernüchternder Wucht.

Christoph Hartner
Christoph Hartner
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