Es ist eine verrückte Lebensgeschichte: Wan Jie Chen war in China ein angesehener Mann - Lektor an der Uni in Shanghai, Staatsmeister in Qigong und Tai-Chi und damit ein Star. Da tauchte, vor mittlerweile auch schon knapp 25 Jahren, der damalige Dekan der Grazer Geisteswissenschaftlichen Fakultät, Günter Bernhard, in China auf - und setzte dem jungen Mann einen Floh ins Ohr: Österreich (chinesisch "Audili") sei ein spannendes Land. Gerade recht für einen Ausnahmesportler...
"Was zum Drachen ist Audili? Nie gehört", lächelt Chen, wenn er über damals reflektiert. Aber er hat sich in den Flieger gesetzt. Am Anfang war's hart. Zuerst hat er beim Dekan wohnen dürfen und Deutsch gebüffelt. Dann kam die "Karriere" als Putztschakl in China-Restaurants: Schlafen im Lager, eine Pritsche, eine Tischlampe. Licht, das hat er gebraucht - zum Strebern.
Gelernt hat er schnell, der Dr. Chen. Für seine Landsleute dann bei Ämtern und Behörden übersetzt, erstes Geld verdient - und dann selbst China-Restaurants eröffnet. Heute hat er's nicht mehr so mit der chinesischen Küche: Schweinsbraten, Backhendl und vor allem unser Kernöl sind geschmackliche Leidenschaften...
Rasten ist offensichtlich nicht sein Ding: China öffnet sich wirtschaftlich, da will der - mittlerweile zum Herzenssteirer gewordene - Chen mit dabei sein. Erste Reihe fußfrei, für sich, aber auch für die neue Heimat. "Was kann ich", begann die Selbstanalyse. Antwort: Sprachen und Mentalitäten zweier Welten übersetzen. Und das tut er bis heute: Dr. Chen's SINOplex boomt. Er betreibt die Firma mit seiner Frau Eva Märzendorfer-Chen. Konzerne - Sappi, Magna, AVL oder die Andritzer, um nur die größten zu nennen – setzen und vertrauen auf Verbindungen und Wissen für ihr Management.
Mindestens fünf Mal pro Jahr jettet der ehemalige Spitzensportler in die alte Heimat, heuer, nicht zuletzt wegen der Expo, werden es sogar zehn Mal sein. Doch nicht nur das große Geschäft zählt. Für Universitäten oder das Olympische Komitee netzwerkt Dr. Chen als steirischer Botschafter. Ohne Honorar natürlich, weil's ihm eben Herzensangelegenheit ist...
"Auf einen Sprung nach Shanghai" von Gerhard Felbinger und Christian Jauschowetz, "Steirerkrone"
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