06.12.2019 06:03 |

Viele Fragen offen

Achensee-Absturz mit vier Toten: Neue Ermittlungen

Nur der Pilot soll schuld sein am tödlichen Absturz eines Polizeihubschraubers in den Tiroler Achensee 2011. Doch der Unfallbericht ist laut Fliegern und Fachleuten sehr fragwürdig ...

Wie jeder andere Tag begann auch der 30. März 2011 für Chefinspektor Markus Pumpernick kurz nach 7 Uhr mit seinem Weg zur Flugeinsatzstelle Innsbruck, deren Leiter er war. Dort angekommen, bereitete er seinen Helikopter vom Typ EC 135 P2+ auf den bevorstehenden Einsatz vor. Der Auftrag: ein Überwachungsflug im Rahmen der „Ausgleichsmaßnahmen Schengen“. „Dabei sollte in einiger Entfernung zur deutschen Grenze geflogen werden, um verdächtige Situationen aus der Luft zu identifizieren und bodengebundene Kräfte heranführen zu können“, heißt es als Antwort auf eine frühere parlamentarische Anfrage zur Causa.

Regelrechter Sturzflug
Um 9.15 Uhr startete Chefinspektor Pumpernick. Mit an Bord waren Flight Operator Stephan Lechner, der Grenzschutzbeamte Herbert Fürrutter sowie der Schweizer Polizist Stefan Steiner, der eine Einweisung auf das österreichische Grenzschutz-System erhalten sollte. Nach zwei kurzen Zwischenlandungen nahm der Hubschrauber Kurs auf den Achensee. Dann begann das Drama. Mehrere Minuten lang vollführte der Helikopter - so ergaben es die aus dem Bordcomputer ausgelesenen Daten - Manöver, die eindeutig „außerhalb des normalen Flugbereiches“ lagen. Dabei wurde sogar eine Sinkrate von 4000 Fuß pro Minute erreicht, was einem regelrechten Sturzflug entspricht. 10.07 Uhr: Absturz in den Achensee! Alle vier Insassen starben sofort.

Acht Jahre für einen Bericht zum Geschehen
Obwohl die internationale Luftfahrtorganisation ICAO verlangt, dass ein Unfallbericht innerhalb eines Jahres zu veröffentlichen ist, brauchte die beim Verkehrsministerium angesiedelte Sicherheitsuntersuchungsstelle des Bundes (SUB) ganze acht Jahre für ihr Gutachten. Wegen Skandalen war diese Behörde übrigens vor zwei Jahren aufgelöst und neu strukturiert worden. Der Abschlussbericht der SUB weist einzig und allein dem Piloten die Schuld für den Absturz zu. Dieser habe sinngemäß einen „Showflug“ veranstaltet, sich verschätzt und sei deshalb in den Achensee gekracht.

Innenministerium setzt Expertenkommission ein
Doch der Bericht ist laut Ansicht vieler ziviler Piloten und Mitarbeiter der Flugpolizei „voller Ungereimtheiten“. So sei nämlich wichtigen Fragen überhaupt nicht nachgegangen worden. Deshalb will das Innenministerium, dem die Flugpolizei untersteht, jetzt eine internationale Expertenkommission einsetzen, die die offenen Punkte professionell klärt.

Ein Fachmann: „Geht man vom Endbericht der SUB aus, dann ereignete sich der Unfall sieben Minuten nach Dienstbeginn des Piloten, was natürlich nicht stimmt, wenn im gleichen Bericht von einer Gesamtflugzeit an diesem Tag von 53 Minuten die Rede ist. Auch Himmelsrichtungen sind zum Teil falsch angegeben, und es findet sich ein Ortsname, der in ganz Österreich nicht existiert.“

„Niemand würde absichtlich solche Sturzflüge machen“
Zudem sei der Unfall-Pilot nicht risikobereit gewesen. „Ich bin viele Jahre lang mit Markus geflogen“, schildert ein Flight Operator: „Ich habe dabei kein einziges Manöver erlebt, das nicht sicher war. Sein oberstes Credo war, seine Mannschaft immer gesund nach Hause zu bringen.“ In Fliegerkreisen gilt für viele daher ein akut aufgetretenes medizinisches Problem des Hubschrauberführers als wahrscheinlichste Ursache für das Unglück.

„Ein Orientierungsverlust, Herzrhythmusstörungen oder Kreislaufprobleme wären bei einer Obduktion nicht feststellbar gewesen“, betont Professor Günter Steurer. Der Mediziner ist selbst Pilot. Er kritisiert am Bericht, dass keine externen medizinischen Experten hinzugezogen worden seien. Ein ziviler EC-135-Pilot bestätigt der „Krone“: „Niemand würde absichtlich solche Sturzflüge machen. Das wäre Wahnsinn. Ich denke, es muss an Bord etwas Dramatisches geschehen sein.“

Weitere Indizien für ein Gesundheitsproblem
Für diese Theorie spricht ebenfalls, dass die Leiche eines Beamten ohne Sitz 80 Meter vom Helikopter entfernt gefunden wurde. Die drei anderen Insassen inklusive des Piloten wurden dagegen angeschnallt auf ihren Plätzen geborgen. Dazu ein Flight Operator: „Niemand schnallt sich einfach so ab. Das ist ein starkes Indiz dafür, dass mit dem Piloten etwas nicht in Ordnung war und der Kollege helfen wollte. Auf diesen Punkt ist das Verkehrsministerium in seinem Bericht aber mit keinem Wort eingegangen.“

Zudem liegen der „Krone“-Aussagen von Polizisten vor, dass einer der Ermittler, der selbst nicht einmal Heli-Pilot ist, am Absturztag 2011 salopp sagte: „Eh klar, Cowboy-Fliegerei. Jede weitere Untersuchung ist nur Zeitverschwendung.“

Auf die unabhängigen Experten wartet also sehr viel Arbeit, um vielleicht doch noch Licht ins Dunkel um das ungelöste Absturz-Drama vom Achensee zu bringen.

Daten und Fakten:

  • Die Flugpolizei betreibt über ganz Österreich verteilt sieben Flugeinsatzstellen (FEST). Diese befinden sich in Hohenems, Innsbruck, Salzburg, Linz, Graz, Klagenfurt und Wien-Meidling. Anfang 2020 wird dann auch die Außenstelle auf dem Flughafen Schwechat eröffnet.
  • Die Flotte der Polizeiflieger besteht aus sieben H135 P2, vier H135 P3H, drei AS 350 B3, vier AS 350 B1 sowie einem Ausbildungshelikopter vom Typ Bell 206 Jet Ranger, der auf dem Flugplatz in Bad Vöslau (NÖ) stationiert ist.
  • 41 Piloten und rund 100 sogenannte Flight Operatoren versehen ihren Dienst bei der Flugpolizei. Aktuell befinden sich zudem drei Flugschüler im Ausbildungsprogramm.
  • Die Zahl der Einsätze ist steigend. Waren es 2017 noch 4609, starteten die fliegenden Ordnungshüter 2018 schon 4850-mal. Heuer könnte die 5000er-Marke geknackt werden. Zu ihren Aufgaben zählen Fahndungsflüge, Löscheinsätze sowie der Transport der Cobra.

Patrick Huber, Kronen Zeitung

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