01.06.2010 14:54 |

Nach Mord

Unruhe und Angst im Wiener Rotlichtmilieu

Der Mord an der Wiener Prostituierten Petya Filkova, die am Sonntag nackt und halb verbrannt in Niederösterreich gefunden worden war, hat die Straßenstrich-Szene in der Bundeshauptstadt in Unruhe versetzt. "Angst ist ein Thema, eine irrsinnige Verunsicherung und Wut über die gesetzliche Lage bezüglich Opferschutz", schilderte der Betreiber eines Prostituierten-Internetforums die Situation.

"Der Leichtsinn ist verschwunden", so der NGO-Arbeiter, der sich täglich mit mehreren Prostituierten in einem für die Öffentlichkeit unzugänglichen Forum austauscht. "Die Leute versuchen sich besser zu vernetzen und tauschen Nummern aus. Und man versucht, sich Autokennzeichen zu merken." Kunden würden derzeit genau auf Verdächtiges abgecheckt. Zudem werden auch andere Sicherheitsmaßnahmen ergriffen: "Man versucht mit dem Kunden nicht im Auto zu verkehren."

Keine Anfragen bei "Sophie"
Bei der Sozialeinrichtung "Sophie" meldeten sich laut Mitarbeiterin Eva van Rahden nach den jüngsten Gewalttaten keine besorgten Prostituierten. Man betreue als Unterstützungs-Anlaufstelle seit 2003 allerdings nur einen kleinen Teil der Szene, generell würden Übergriffe schon immer wieder für große Betroffenheit sorgen. In Rudolfsheim-Fünfhaus sei beispielsweise - von der Öffentlichkeit unbemerkt - eine Prostituierte zusammengeschlagen und schwer verletzt worden, so van Rahden. "Das hat die Frauen viel mehr bewegt." Angst vor Gewalt haben viele auch seit dem Brandanschlag auf die Wiener Prostituierte Florentina M. am 16. Mai.

Der Fall der Bulgarin Petya Filkova habe allerdings den Mord an der ebenfalls in Wien tätigen Prostituierten Katerina Vavrova im August 2007 wieder in Erinnerung gerufen. Die Tschechin arbeitete am Straßenstrich beim Prater und wurde von "Sophie" betreut. Am Montag habe ein Team der Einrichtung in der Leopoldstadt ehemalige Kolleginnen von Vavrova getroffen, so van Rahden. "Da war die Betroffenheit schon sehr groß."

"Bulgarinnen stehen sehr unter Druck"
"Bei den Bulgarinnen haben wir sehr oft das Gefühl, dass sie sehr unter Druck stehen", schilderte van Rahden ihre Erfahrungen bei Touren, bei denen "Sophie" Unterstützungsangebot an Frauen heranträgt. "Wenn wir mit ihnen reden, läutet sofort das Telefon und es wird nachfragt, was los ist." Es entstehe teilweise der Eindruck, dass Bulgarinnen mehr unter Beobachtung stehen als Frauen aus anderen Ländern.

Der Straßenstrich auf der Linzer Straße, der Arbeitsplatz von Petya Filkova und Florentina M., kennzeichne sich generell durch eine Verdichtung der Standplätze, meinte van Rahden. Besonders an der Brücke bei der Reinlgasse würden viele Frauen stehen. Ein Grund dafür sei die strenge Schutzzonenregelung im Bezirk seit 2004. Gleichzeitig habe sich die Zahl an registrierten Prostituierten in Wien in den vergangenen Jahren auf etwa 2.300 verdreifacht. "Natürlich hat sich durch die Reisefreiheit der Frauen einiges getan", meinte die Expertin über viele Prostituierte, die seit der EU-Erweiterung vor allem aus Osteuropa nach Österreich kämen, aber hier oft kaum Jobaussichten hätten. "Das heißt, sie können in Österreich als neue Selbstständige tätig sein, aber nicht als Angestellte."

"Gewalttätige Zuhälter nur mehr minimal vorhanden"
Die Frage nach Zuhältern oder einem "Freund", der aufpasse, sei schwer zu beantworten, meinte van Rahden. "Das ist ganz schwer für uns festzustellen, welche Frauen selbstständig arbeiten. Es gibt auch Frauen, die haben gesagt, sie haben noch nie einen Euro abgegeben." Beim Prostituierten-Forum sieht man diesbezüglich die Notwendigkeit einer neuen Definition: "Der Zuhälter der mit Gewalt arbeitet, ist nur mehr minimal vorhanden", betonte der Forums-Leiter. Internet und Mobiltelefone würden vor allem beim psychischen Unter-Druck-Setzen eine größere Rolle spielen.

Hinter den Gewalttaten vermute er auch aus diesem Grund keinen Rotlichtkrieg: "Ich glaube weder, dass das ein normaler Kunde war, noch ein Zuhälter", so der Forumsleiter. "Das sind Wahnsinnstaten und jeder in der Branche wendet sich mit Entsetzen davon ab."

Rund 5.000 Prostituierte arbeiten in Wien
In Wien sind nach einer Polizeieinschätzung rund 5.000 Sexarbeiterinnen beschäftigt, registriert sind aber nur knapp die Hälfte. Schätzungen über die Zahl der illegal tätigen Prostituierten sind sehr schwierig, sagte Elisabeth Jarolim vom Ambulatorium für sexuell übertragbare Krankheiten (STD-Ambulatorium) des Wiener Gesundheitsamtes. "Die Szene ist sehr mobil geworden." Viele Frauen würden nur für ein oder zwei Tage im Monat nach Wien kommen, sich hier ein zusätzliches Einkommen verdienen und dann wieder nach Hause fahren.

Für die Registrierung gibt es laut Polizeisprecher Mario Hejl drei Kriterien: "Erstens müssen sie über 18 Jahre alt sein, zweitens müssen sie einen gültigen Bescheid der Bundespolizeidirektion Wien und drittens eine Kontrollkarte der Stadt Wien, den sogenannten Deckel, besitzen." Die Schwerpunkte der Prostitution sind laut Hejl noch immer die Bezirke Leopoldstadt, Penzing und Rudolfsheim-Fünfhaus. Der Straßenstrich habe sich allerdings vom Gürtel weg in diverse Seitenstraßen verlagert, vor allem in die Seitengassen der Äußeren Mariahilfer Straße, in die Felberstraße sowie in die Linzer und Hütteldorfer Straße. "In den Lokalen wird die Prostitution über ganz Wien verstreut betrieben", so Hejl.

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