03.09.2019 08:00 |

Historie erforscht

Als das Wetter in Tirol verrückt spielte

Schnee im Mai, 40 Grad im Juni – „verrücktes“ Wetter sorgte heuer für Gesprächsstoff. Aber leben wir wirklich in extremen Zeiten? Tourismusforscher und Schneehistoriker Günther Aigner durchforstete unzählige Chronikeinträge und Fachliteratur. Fazit: Seit dem Mittelalter gab es in Mitteleuropa „Wetterkatastrophen“, die heutige Ereignisse in den Schatten stellen.

Kälte, Hitze, Schnee, Dürre – ein Streifzug durch historische Wetter-Extremereignisse lässt staunen.

Acht Wochen Schnee
Über den Jahrtausendschneefall 1817 berichtete ein Fieberbrunner Gendarm: „Am 6. März entwickelte sich über dem Pillerseetal ein furchterregendes Hochgewitter und es fing an zu schneien und hörte bis zum 30. April nicht mehr auf. Es schneite somit durch volle acht Wochen ununterbrochen.“ Am 1. Mai soll der Schnee neun Schuh tief (rund 2,72 Meter) gelegen sein. Auch eine Inschrift auf einem Wegkreuz im benachbarten Waidring weist auf diese Schneehöhe hin. Angenommen wird ein enger Zusammenhang mit dem gewaltigen Tambora-Vulkanausbruch in Indonesien am 10. April 1815.


1816, das Jahr ohne Sommer
Auch dies dürfte eine Folge des Vulkanausbruchs gewesen sein. Im Tiroler Hochsommer gab es verbreitet Nachtfröste und Schnee, in Gries im Ötztal (1569 Meter) soll es 17 mal ins Feld geschneit haben. Aus Kufstein wird berichtet: „Der kalte Regen im Sommer erzeugte das Schrecklichste, was die Menschen treffen kann, einen allgemeinen Mieswachs und den aus ihm entspringenden Brotmangel. Aller Orten drangen Menschen ungestüm vor die Wohnungen der Bäcker und jeder Morgen weckte zu jammervollen Klagen.“ Brennessel hat man gesotten und gegessen, jungen Klee hat man abgemäht, in Milch gekocht und verzehrt. Typischer Chronikeintrag: „Kinder essen das Gras vom Felde wie das Vieh.“

Historisches Hochwasser
In Mitteleuropa gilt die Magdalenenflut vom Juli 1342 als Jahrtausendereignis. „Über die Mauern der Stadt Köln fuhr man mit Kähnen“, hieß es. „Die auf Tirol bezogene Datenlage ist dürftig“, bedauert Aigner, doch er stieß auf unzählige Inn-Hochwasserereignisse - etwa 1789: "Furchtbarste Überschwemmungen im Inntal. Rattenberg stand bis zu den ersten Stockwerken unter Wasser. Im Innsbrucker Dom stand das Wasser bis zur ersten Treppe des Hochaltars.Al

Als Menschen in Betten erforen
1669/70 fror laut Rattenberger Stadtchronik der Inn völlig zu, infolge Eisschollenstau gab es große Überflutungen und Vereisungen von Gassen und Kellern - Bittgänge der Bevölkerung. Im Jahrtausendwinter 1708/09 erstarrte dann zum letzten Mal der Gardasee vollständig, Pferde liefen auf dem Eis. In Nordtirol fror Messwein ein, ganze Familien starben in den unzureichenden Behausungen. 1764/65 spricht die Längenfelder Chronik von entsetzlicher Kälte von Allerheiligen bis Mitte März - Vieh erfror in den Ställen, erneut Menschen in den Betten. Eiseskälte auch 1788, am 30. Dezember gab es in Innsbruck minus 31,3 Grad.


Jahrtausendsommer im Jahr 1540
15 Wochen kein Regen in Tirol, die großen Flüsse Rhein oder Elbe konnten „trockenen Fußes durchwatet werden“. Waldbrände hüllen Europa in Rauch ein, Brunnen versiegten - rund eine Million Tote in Europa. Nordtirol war offenbar weniger betroffen als Südtirol, wo es Bittgänge und Andachten für Regen gab. Ein Jahr danach erfolgte in Pfons im Wipptal bereits im Mai die Getreideernte. Danach säte man wieder aus und am 8. September war völlig entgegen aller Erfahrungen eine zweite Ernte möglich. Im dazwischenliegenden Winter 1540/41 blühten in Matrei am Brenner im Jänner Kirschbäume.

Andreas Moser
Andreas Moser
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