01.09.2019 11:30 |

Seiler

Der letzte Meister und sein goldenes Wissen

Auch das Thema Handwerk ist beim großen Aufsteirern (13. bis 15. September) in Graz nicht wegzudenken. Wir haben im Vorfeld einen ganz besonderen Steirer besucht - Friedrich Teppernegg, der letzte Seiler der Steiermark.

Bereits in der vierten Generation betreibt Familie Teppernegg in Preding eine Seilerei. „Es ist das zweitälteste Gewerbe“, schmunzelt Friedrich Teppernegg, bevor die Mundwinkel des 71-Jährigen nach unten wandern. Denn jetzt sei Schluss, aus, vorbei: „Ich bin der letzte Seiler in der Steiermark.“

Nachfolger gebe es keinen, auch unter seinen vier Kindern nicht. „Die haben sich für ganz andere berufliche Wege entschieden. Mit dem Verdienst in der Seilerei ist’s so: Zum Leben zu wenig, zum Sterben zu viel.“

Im Keller des Hauses befindet sich die Werkstatt. Stolz führt der Hobby-Feuerwehrmann durch sein „Reich“. „Diese Maschine ist mehr als 60 Jahre alt.“ Und der hölzerne Zugwagen? „Der hat schon mehr als 100 Jahre auf dem Buckel, funktioniert aber noch.“ Und dann lagern überall Netze und Seile. Unzählige Meter. In verschiedensten Farben. Kurze, lange. Dünne, dicke. Aus Kunststoff, Hanf, Baumwolle, Flachs, Gummi. „Bei mir gibt es nichts, was es nicht gibt. Alles ist machbar. Das ist der Unterschied zur Industrie.“ Aber mit dem Berufsende von Teppernegg verschwindet das goldene Wissen wohl ins Nirwana.

Bis zu 5000 Fäden für ein einziges Seil
Anfangs, in den 1980er-Jahren, war alles blendend. „Landwirte haben 100 Stricke pro Tag bestellt.“ Dann hat die Politik das Anbinden von Tieren verboten. Und mit einem Schlag brach das Geschäft ein. Aber an Ideen hat es dem Predinger noch nie gemangelt. Er begann, sich auf Netze zu spezialisieren. Hanfnetze für Fischer, Netze für Fußballvereine.

Dann kam das Jahr 1992. „Da meldete sich Rupert Hirner bei mir.“ Der Ex-Skispringer absolvierte 1989 seinen ersten Bungee-Sprung, daraufhin gründete er die Firma „Rupert Hirner Bungy Jumping GmbH“. Aber woher die Seile nehmen? Teppernegg tüftelte und tüftelte. Schließlich war das Premierenstück fertig.

„Zwischen 3000 und 5000 Gummifäden müssen für ein Seil parallel verlegt werden. Es besteht aus reinem Gummi.“ Hunderte solcher Bungee-Seile hat er gefertigt – als einziger zertifizierter Betrieb in Österreich. Für die Herstellung eines Seiles benötigt er einen Tag. Dabei ist höchste Konzentration das A und O: „Schließlich hängen ja Menschenleben dran.“ Wie lange ist so ein Bungee-Seil? „Auf der Europabrücke in Innsbruck geht’s 190 Meter runter, das Seil ist 35 Meter lang.“

Er liebt einfach sein Handwerk
Es gibt fast nichts, was der Seilermeister nicht hergestellt hat: Absperrungen für Galerien, Handläufe für Stiegengeländer, Matten für Schiffe, Strickleitern, Hanfpeitschen, Klettertaue für Schulen, Kunststoffseile für Segler. Und auch außergewöhnliche Aufträge hat er angenommen, einfach, weil er sein Handwerk liebt. „Es ist ein sauberer Beruf, nur ist man eben den ganzen Tag auf den Beinen. Und Hudeln geht schon gar nicht. Ruhe und Konzentration sind gefragt“, so Teppernegg.

Aber zurück zu den speziellen Arbeiten: „Ein Herr hat beispielsweise überall in seinem Haus statt den Sesselleisten Seile verlegt. Das waren ein paar hundert Meter.“ Dann bat jemand um Hilfe, denn bei seinem Paternoster-Lift war das Seil gebrochen. Auch für Kulissen in der Grazer Oper war der sympathische Handwerker des Öfteren im Einsatz.

Was seine Berufung so besonders macht, sind die speziellen Momente, die der Predinger erlebt: „Kürzlich kam eine Dame mit einer Wäscheleine aus Hanf zu mir, die ich reparieren sollte. Dann erzählte sie mir, dass sie die Leine schon bei meinem Vater gekauft hat.“

Woran Teppernegg aktuell werkt? „An Kletterseilen für meine Enkelkinder“, schmunzelt der stolze Opa.

Michael Jakl
Michael Jakl
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