Eiserner Vorhang:

Tor zur Freiheit stand plötzlich weit offen

750 DDR-Bürger nutzten im Sommer 1989 eine günstige Gelegenheit zur überraschenden Flucht über die Grenze zwischen Ungarn und Österreich. Wachebeamte von damals erinnern sich noch gut daran.

Ein historischer Moment jährt sich heute zum 30. Mal. Nach Otto von Habsburgs Idee fand am Grenztor an der alten Pressburger Landstraße zwischen St. Margarethen im Burgenland und Sopronkohida (Steinambrückl) in Ungarn das Paneuropäische Picknick statt, mitinitiiert von László Nagy. Diese Demonstration des Friedens samt symbolischer Öffnung des Grenztores nutzten 750 DDR-Bürger zur Flucht in den Westen. Árpád Bella, Jahrgang 1946, war an diesem denkwürdigen 19. August 1989 diensthabender Offizier der ungarischen Grenzwache. Seinem Mut ist es zu verdanken, dass der damals noch aufrechte Schießbefehl nicht ausgeführt wurde. Seinen Hochzeitstag hatte er sich jedenfalls anders vorgestellt.

Was war entscheidend für Ihr couragiertes Handeln?

Fast täglich gab es neue Dienstanweisungen, doch Menschen waren mir wichtiger als Gesetze. Ich bin auch nach 30 Jahren stolz, in dem Chaos die richtige Entscheidung getroffen zu haben.

Wie hat alles begonnen?

Etwa 200 Personen gingen auf unserer Seite geradewegs aufs Tor zu. Kein Wort war zu hören. Ich dachte, es ist die angekündigte Delegation, doch es waren Bürger der DDR. Das Einsatzkonzept war nur auf eine kleine Gruppe ausgerichtet. Ich musste in diesem Augenblick also rasch handeln.

Was geschah dann?

Als die Menschenmenge ihren Weg unbeirrt fortsetzte, wurde das brüchige Gittertor mit Gewalt geöffnet und bis zum Anschlag aufgedrückt. Im Gedränge brach Hektik aus. Alle hatten Angst, wollten rasch auf österreichisches Staatsgebiet. Manche hatten schon Freudentränen in den Augen.

Was ging Ihnen in diesem Augenblick durch den Kopf?

Ich war aufgeregt, musste eine Entscheidung treffen. Meine Kommandanten waren weder vor Ort noch telefonisch erreichbar. Innerlich war ich kurz wie gelähmt, nach außen hin habe ich aber auch dann nicht die Fassung verloren, als die Flüchtlinge meine Kollegen einfach beiseitegeschoben haben.

Wie endete der Einsatz?

Keine Gewalt, keine Opfer, das mussten wir durchstehen. Es gelang. Als ich am Abend müde heimkam, waren die ersten Worte meiner Frau: „Wer soll für die Familie sorgen, wenn du im Gefängnis sitzt?“ Ich gab nie eine Antwort. Nach Feiern unseres Hochzeitstages war mir nicht mehr zumute.

Schwere Vorwürfe musste sich der Oberstleutnant offiziell gefallen lassen. „Du hast keinen einzigen Warnschuss abgegeben, um diesen illegalen Grenzübertritt zu verhindern“, hatte ihn der stellvertretende Grenzabschnittskommandant kritisiert. Gegen Árpád Bella wurde ein Verfahren eingeleitet, aber nicht verfolgt. Zu groß war die politische Bedeutung seiner Courage. Der Offizier hatte auch mit den Zöllnern Johann Göltl und Walter Horvath mitgeholfen, dass ein Kind zu seinen Eltern kam, die es bereits nach Österreich geschafft hatten. Als „Held des Friedens“ wurde Árpád Bella später geehrt. Weitere persönliche Erlebnisse von Zeitzeugen der Überwindung des Eisernen Vorhangs sind im Buch „Sommer 1989“ zu finden. Autor und Ex-Polizist Wolfgang Bachkönig stellt es am Mittwoch im Evangelischen Gemeindesaal in Mörbisch im Burgenland vor. Beginn ist um 19 Uhr.

Karl Grammer, Kronen Zeitung

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