09.06.2019 09:00 |

Schlagfertig

Martin Grubinger schöpft Hoffnung

Percussion-Weltstar Martin Grubinger schreibt in seiner „Krone“-Kolumne „Schlagfertig“ über Ibiza, das Rauchverbot und seine Oma.

Vor drei Wochen blieb in Österreich politisch kaum ein Stein auf dem anderen. Die Folgen nach dem Ibiza-Video werden langsam sichtbar und bei allem Zorn, den Heinz-Christian Strache und sein schamloser Kamerad John Gudenus verursacht haben, sind mittlerweile auch positive Auswirkungen erkennbar.

Wir haben nun eine neue Regierung. Experten in ihren Bereichen, die allesamt zwei wichtige Eigenschaften vereinen: Anstand und Gewissen. Ein wohltuender Unterschied zur Vorgängerregierung.

Daraus ergeben sich nun mögliche Aussichten auf Verbesserungen in einigen politischen Sachfragen. Das Rauchverbot in Österreich etwa wird nun tatsächlich umgesetzt. 900.000 Unterschriften für ein rauchfreies Österreich waren also nicht umsonst. Am Ende hat auch die ÖVP den richtigen Weg gefunden.

Einige menschenverachtende Verordnungen von Ex-Innenminister Kickl wurden schon von seinem Nachfolger, dem erst kurz im Amt befindlichen Innenminister Eckart Ratz, zurückgenommen.

Die Mindestsicherung, isolierte Deutschförderklassen in den Schulen, die sinnlose Karfreitagsverordnung und der Zwölf-Stunden-Tag, der gerade für Schwerstarbeiterinnen massive Nachteile gebracht hat, sind weitere Beispiele.

All diese vermurksten Gesetze und Verordnungen können jetzt im Parlament neu geordnet oder zurückgenommen werden.

Erste Andeutungen gab es dazu bereits - auch aus der ÖVP. Das gibt doch Hoffnung!

Wenn die vormalige Regierung viele Millionen Steuergeld für Eigenwerbung übrig hatte, sollte auch die Rücknahme einiger unsozialer Maßnahmen möglich sein.

Eine Stimmungsänderung nehme ich auch in Teilen des Journalismus wahr. Die außergewöhnlichen Leistungen aller Journalistinnen und Journalisten im Radio und im Fernsehen des ORF hat uns in den vergangenen Wochen wieder hören und sehen lassen, wie wichtig ein freier und selbstbewusster ORF für unsere Demokratie ist. Was Strache und Co. mit diesem machen wollten, konnten wir in den bizarren Videos gut beobachten.

Und auch die „Krone“ hat frischen Wind in ihren Segeln und ist entschlossen, ihre Unabhängigkeit ganz neu zu betonen. Als ich Anfang dieses Jahres mit „Salzburg Krone“-Chefredakteur Claus Pándi in einem Wirtshaus saß und er mich fragte, ob ich immer sonntags für sie, liebe Leserinnen und Leser, schreiben wolle, erzählte er mir von seiner Überzeugung, dass eine gut gemachte, qualitativ ansprechende Boulevardzeitung sein Ideal sei. Dieses Bild hat mir unheimlich gut gefallen. Gerne erinnere ich mich in diesem Zusammenhang an meine Oma. Sie war eine leidenschaftliche „Krone“-Leserin. Arbeiterin, Katholikin und Sozialdemokratin. Jeden Tag musste ich mit ihr über die Texte von Staberl, Wolf Martin und Kräuterpfarrer Weidinger diskutieren.

Das ging mir manchmal schwer auf die Nerven. Die „Krone“ war Gesetz bei meiner Oma! Dagegen war nicht anzukommen. Deshalb bin ich überzeugt, dass diese Zeitung mehr ist als nur ein Druckwerk. Die „Krone“ hat staatspolitisches Gewicht. Das wurde zuletzt wieder deutlich. Damit einher geht eine besondere Verantwortung, die diese Zeitung für unser Land trägt. Deshalb ist ein weiterer positiver Aspekt des Ibiza-Wahnsinns, dass die „Krone“ ihre Koordinaten neu vermessen will.

In einem bemerkenswerten Interview in der Ö1-Sendung „Doublecheck“ hat Klaus Herrmann, Geschäftsführender „Krone“-Chefredakteur, neue Leitlinien skizziert. Unabhängigkeit und Anstand - dazu will man die enorme Reichweite nutzen, um einen wichtigen Beitrag zur Bekämpfung der Klimakrise zu leisten.

Wenn das Ibiza- Video und die darin zu hörenden Aussagen manche in der Politik und in den Medien ihr eigenes Handeln reflektieren lassen, dann kann das neuen Schwung für unser Land bringen.

Und dafür müssten wir den beiden österreichischen Sommertouristen auf Ibiza fast dankbar sein.

Ihr Martin Grubinger

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