12.05.2019 09:00 |

Leben mit Demenz

„Hier bin ich zu Hause, hier bleibe ich auch“

Ende des vergangenen Jahres eröffneten die „Telfer Lebensebenen“. Eine Alternative zum Altersheim, wo Menschen mit Demenz selbstbestimmt leben können. Die „Tiroler Krone“ besuchte das Zuhause von bisher elf Menschen – und fand einen Ort, an dem es in Ordnung ist, zu sein, wer man ist. Mit und ohne Demenz.

„Hier bin ich daheim, hier bleibe ich auch“, sagt Inge, bevor ihr Blick beim Fenster raus in die Ferne schweift. Ihre Hände liegen gefaltet in ihrem Schoß. Wenn sie spricht, blickt sie ihrem Gegenüber in die Augen. Dann wieder scheint sie ganz weit weg zu sein – tief versunken in ihren Erinnerungen. „Ich fahr’ gerne eine Runde“, sagt sie dann plötzlich. „Mit dem Auto. Einfach weil es schön ist.“ Wenn sie lächelt, lachen viele kleine und große Fältchen in ihrem Gesicht mit.

Durch die „Krone“ ihr neues Zuhause entdeckt
Inge sitzt an einem Tisch, auf dem eine große weiße Schüssel steht. Geschälte Apfelspalten liegen darin. Neben ihr sitzt eine weitere Frau – ihr Name ist ebenfalls Inge. Aber das ist nicht die einzige Gemeinsamkeit, die sie haben: Beide Frauen leiden an Demenz und beide leben in den „Telfer Lebensebenen“. „Weil wir uns wohl fühlen“, sagt die zweite Inge mit Blick auf ihre Freundin.

Die „Telfer Lebensebenen“ sind ein Projekt, dreier engagierter Frauen, die Menschen mit Demenz ein selbstbestimmtes Leben ermöglichen wollen. „Deshalb haben wir uns auch für diese Option entschieden“, betont Heidi Haslacher. Sie ist Inges Tochter – und hat, wie sie erzählt, von einem Artikel in der „Tiroler Krone“ davon erfahren. „Meine Mama lebte in Osttirol“, erzählt die Inzingerin. „Aber ich wollte sie in der Nähe haben. Als ich in der Zeitung von den ‘Lebensebenen‘ gelesen habe, haben wir uns erkundigt – und hier ein Zuhause für sie gefunden.“

„Behandelt werden wie ein Erwachsener “
„Es herrscht kein strenger Drill“, sagt Heidi. „Meine Mama kann aufstehen, wann immer sie will, essen, wann sie will. Aber was mir am wichtigsten ist: Sie wird hier nicht wie ein Kind behandelt, sondern wie ein erwachsener Mensch.“

Genau das ist auch das Anliegen von Dorothee Wagner, die die „Telfer Lebensebenen“ leitet: Selbstbestimmung. „Die elf Bewohner, die seit der Eröffnung Ende des vergangenen Jahres in den ehemaligen Tirolerhof in Telfs gezogen sind – das sind meine Chefs“, sagt Wagner. Denn hinter dem in Tirol einzigartigen Konzept steckt eine Sozialgenossenschaft. Also ein Zusammenschluss von Personen, die sich selbst organisieren, Stimmrecht bei allen Belangen haben und als Non-Profit-Unternehmen fungieren.

Keine Besuchszeiten, keine weißen Kittel
„Ich habe einen Schlüssel und kann kommen und gehen wann ich will. Das zeigt auch, dass es hier nichts zu verstecken gibt“, erzählt Heidi. Das Personal trägt normale Kleidung, feste Besuchszeiten gibt es nicht. „Ab und zu rauche ich gerne eine Zigarette“, erzählt Inge, die sich inzwischen neben ihre Tochter gesetzt hat. „Dann gehe ich in das Café.“

Denn auch das gehört zum Konzept: Ein Café, das für die Öffentlichkeit zugänglich ist. Dort sollen sich Generationen verbinden – „und die Demenz ihren Schrecken verlieren“, erklärt Wagner. Bei Trude hat das schon geklappt. Sie lebt ebenfalls in den „Lebensebenen“ – leidet aber selbst nicht an Demenz. „Das war zu Beginn schon ein bisschen komisch“, erzählt die Pensionistin. „Es ist nicht immer einfach, sie vergessen ja ständig alles.“ Aber mittlerweile habe sie sich daran gewöhnt. „Ich bewundere die drei Ladys, wie sie das alles handhaben. Und fühle mich hier sehr wohl.“

„Trude hat ein bisschen die Mutterrolle eingenommen“, schildert Wagner. Jeder mache hier eben was er kann, die Menschen organisieren sich so gut es geht selbst. Am Tisch neben an sind die Äpfel inzwischen alle geschält. „Heute machen wir ein Mus“, erklärt Petra Perkmann, die in den „Lebensebenen“ arbeitet. „Wir“ – das sind Mitarbeiter und Bewohner. Denn es stimmt wirklich: Jeder hilft mit, macht so viel, wie er kann und gerne will.

Anna-Katharina Haselwanter
Anna-Katharina Haselwanter
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