Sa, 25. Mai 2019
22.04.2019 12:57

Helmut Kritzinger (90)

Sprachrohr der Tiroler Senioren geht in Pension

Helmut Kritzinger hat 1963 mit LH Eduard Wallnöfer den Tiroler Seniorenbund gegründet und seither die größte Teilorganisation der Tiroler VP maßgeblich mitgestaltet. Kommende Woche verabschiedet sich der 90-Jährige in Pension. Die „Krone“ besuchte ihn in Sarnthein.

Wenn einer 90 Jahre alt wird, dann kann er viel erzählen. Das trifft auch auf Helmut Kritzinger, dem Obmann des Tiroler Seniorenbundes zu. Wobei: Dem Erlebten nach müsste Kritzinger schon 300 Jahre alt sein...

Kritzinger wurde am Hohen Frauentag, am 15. August, 1928 im Südtiroler Sarnthein geboren. Die Eltern waren Wirtsleute und Landwirte. Der Schweizer-Hof war sein Heimathaus. Für ihn, seine Schwester und seinen Bruder. Nach der Grundschule im Ort durfte er dann sogar aufs Gymnasium nach Brixen – für die damalige Zeit etwas sehr Außergewöhnliches. 1953 wurde er schließlich Volksschullehrer in Sarnthein. Und da lernte er auch seine Frau Erika – eine gebürtige „Vintschgrin“ – kennen. Sie kam als junge Lehrerin von Schlanders nach Sarnthein. „In dieser Zeit war ich auch schon politisch aktiv“, erzählt Kritzinger beim „Krone“-Besuch in seinem Haus im Herzen Sarntheins. Der Ort, der das ganze Tal nördlich von Bozen umfasst, hat heute 7000 Einwohner. Und die vielen kleinen Gassen sind belebt, ein Wirtshaus nach dem anderen, auch Handwerk und Gewerbe blühen wie eh und je. „Ich war damals Obmann der SVP von Sarnthein. Und in dieser Funktion wurde ich 1956 auch in den Landesparteivorstand gewählt. Damals wurden die Mitglieder noch gewählt. Ich bekam die meisten Stimmen“, erinnert sich Kritzinger. Daher rühren auch seine guten Kontakte zum damaligen LH Magnago ( 2010), Baumeister der Autonomie. So wie Magnago war auch Kritzinger ein Patriot und Kämpfer für die Minderheitenrechte der Südtiroler.

Vorwurf: Antinationale Propaganda – Haft!
Sein Engagement brachte ihn aber in ernsthafte Schwierigkeiten. Es war im Herbst 1957, als sich Helmut wieder einmal für seine Landsleute stark machte. „Im Tal wurden zwei Kraftwerke gebaut, doch die italienische Stromgesellschaft ENEL stellte wieder einmal nur Italiener an. Ich habe interveniert“, erzählt Kritzinger in der gemütlichen Südtiroler Stube. Acht Tage später standen die Carabinieri vor seinem Haus. Hausdurchsuchung – die erste von acht weiteren, die in den kommenden Monaten und Jahren noch folgen sollten. Sie nahmen Kritzinger mit. Der Vorwurf: Antinationale Propaganda. Nach sieben Tagen wurde er wieder frei gelassen. Aber nur kurz. „Ich habe damals Briefe an sämtliche Mitglieder der UNO-Konferenz geschrieben. Mit der Bitte, dass sie uns im Kampf um unsere Rechte innerhalb von Italien unterstützen. Denn Italien hat es nicht gut mit uns Südtirolern gemeint“, sagt der 90-Jährige. In Summe waren es 2000 Briefe. Und plötzlich stand die Polizei wieder vor dem Haus. „Ich habe die Briefe im letzten Moment in dem Bach vor dem Haus geworfen. Einen haben sie dann aber noch gefunden!“ Genug, um Kritzinger ein zweites Mal zu verhaften. Dieses Mal für acht Monate!

„Noch einmal lasse ich mich nicht einsperren“
Er wurde in den Gefängnissen von Bozen und Trient recht gut behandelt, nach acht Monaten durfte er dann erstmals für ein paar Tage nach Hause. Das war im September 1962. „Da habe ich mir geschworen: Noch einmal lasse ich mich nicht einsperren“, so der sechsfache Familienvater. Und das war der Beginn einer abenteuerlichen Odyssee, die schließlich in Innsbruck endete. Als ihn nämlich die Carabinieri wieder verhaften wollte, tauchte er unter. „Ich habe zwei Tage im Heustadel beim Widum übernachtet. In der Nacht bin ich einmal kurz raus, weil unsere zweite Tochter Bärbel zur Welt gekommen ist. Dann habe ich ein paar Nächte bei einem befreundeten Bauern genächtigt.“ Ein Bayer, der im Sarnthal einen Ranzen kaufte, hat ihn schließlich in seinem Auto versteckt mitgenommen und ins Pustertal gebracht. Dort ist er über die grüne Grenze nach Lienz und weiter nach Innsbruck. Aber schon einen Tag später hat ihn das Heimweh gepackt – wieder überquerte er illegal die Grenze. Nach vier Tagen im Untergrund – er wurde ja landesweit gesucht – sah er ein, dass es hier für ihn keine Zukunft mehr gibt. Und so flüchtete er 1962 ins Nordtiroler Asyl – wieder über die grüne Grenze im Defereggental.

Einreiseverbot nach Südtirol bis 1969
Bis 1969 durfte er nicht mehr zurück nach Südtirol, Erika kam mit den Kindern an den Wochenenden nach Innsbruck, um Helmut zu sehen. Er wohnte damals in einer kleinen Einzimmer-Wohnung. Im Zuge der Mailänder Prozesse wurde Kritzinger schließlich von allem freigesprochen. Und damit endete auch sein langjähriges Aufenthaltsverbot für ihn, der zu diesem Zeitpunkt aber schon österreichischer Staatsbürger war. Die Familie übersiedelte in den 1970er-Jahren ebenfalls nach Innsbruck. In Innsbruck wurde der Südtiroler mit offenen Armen empfangen – auch von LH Eduard Wallnöfer. Der hat ihn 1963 mit dem Aufbau des Seniorenbundes beauftragt. Von 1963 bis 1998 war Kritzinger Geschäftsführer, dann wurde er der 4. Obmann des TSB. Kritzinger ist sicher der Pionier der Tiroler Seniorenarbeit. Er hat viel erreicht für sein Klientel. Im Innsbrucker Gemeinderat und im Bundesrat, dessen Präsident er sogar war. Vom Öffi-Seniorenticket bis hin zur generellen Aufwertung des Standes.

20.000 Mitglieder
Kritzinger war und ist die Stimme der Tiroler Pensionisten. Das zeigt sich auch in den Mitgliederzahlen: Der einstige Ein-Mann-Verein hat heute mehr als 20.000 Mitglieder. Am Freitag endet die Ära, Patrizia Zoller-Frischauf wird seine Nachfolgerin. „Mir war immer wichtig darauf hinzuweisen, wie wichtig die Seniorinnen und Senioren für die Gesellschaft sind. Auch der ältere Mensch leistet seinen Beitrag für die Gesellschaft“, betont Kritzinger abschließend. Und er ist stets mit gutem Beispiel voran gegangen.

Markus Gassler

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