23.04.2019 07:00 |

Neues Album

Fat White Family: Neu mit besserem Benehmen

Nach Jahren der Drogenabhängigkeiten und der Skandale haben sich die Briten Fat White Family zwei Jahre lang freiwillig in eine Art Exil begeben und sich Leben und Karriere noch einmal genau überlegt. Das Ergebnis nennt sich „Serfs Up!“ und ist nichts weniger als eine radikale Neuerfindung einer berüchtigten Kultband.

Mit der Provokation ist das so eine Sache. Einerseits scheint es immer schwieriger zu werden, Menschen vor den Kopf zu stoßen, die durch das Internetzeitalter ohnehin alles schon gesehen haben. Andererseits ist dadurch jeder so stark in seiner eigenen Blase und seinem persönlichen Moralverständnis gefangen, dass es kaum noch Platz für Diskurs, geschweige denn für gegenteilige Meinungen gibt. Das Resultat daraus ist die so oft geheuchelte, öffentliche Betroffenheit, die Ironie, Sarkasmus und schwarzem Humor einen Riegel vorschiebt. Auf der Klaviatur des Aufregens hat die Fat White Family in den letzten Jahren jedenfalls immer die richtigen Töne getroffen. Sie waren die ersten, die seit den drogenummantelten Zeiten von Pete Doherty, Carl Barat und deren Libertines wirklich für Aufregung sorgten, indem sie mit skurrilen Texten und aufsehenerregenden Liveshows auch ein breiteres Publikum angesprochen haben.

Bunte Provokationspalette
Die bisherigen Highlights des zweifelhaften Geschmacks lassen sich an einer Hand gar nicht abzählen. Ihr 2013 erschienenes Debütalbum benannten sie „Champagne Holocaust“, während Videos und Texte darauf zwischen Faschismus und sexueller Stimulanz mäanderten. Als nur wenig später „Iron Lady“ Margaret Thatcher verstarb, hängten sie ein Transparent mit der Botschaft „The Witch Is Dead“ aus dem besetzten Haus, in dem sie lebten. Nach einer zynischen Äußerung von Boris Johnson tweetete Frontmann Lias Kaci Saoudi über „Niggerleichen“ in Libyen und wurde dafür sogar von der musikalischen Online-Fibel „Pitchfork“ gerügt. Während ihrer Liveshows gab es Koitus mit anschließender Verhaftung und die derben Kokain- und vor allem Heroin-Abhängigkeiten aller Mitglieder führte zu Pöbeleien, Prügeleien und dem Ausschluss von Komponist und Gitarrist Saul Adamczewski, der mittlerweile wiederaufgenommen wurde.

Die verkrachten Existenzen ließen in den letzten acht Jahren ihres Bestehens keine Chance auf Eklats und Skandale aus, fertigten - wieder so eine Parallele zu Doherty - daneben aber auch noch großartige Musik, die sich irgendwo zwischen Post-Punk und Noise verordnen ließ und trotz seiner provokativen Sperrigkeit immer wieder auf temporäres Wohlgefallen im Mainstream-Segment stieß. Drei Jahre nach „Songs For Our Mothers“ zeigt sich die Fat White Family personell wiedervereint, aber rundum runderneuert. Den Dämonen der Vergangenheit hat man vorerst abgesagt. Entzugsprogramme und ein Umzug vom sündhaften Südlondon ins eher triste Sheffield waren vonnöten, um die Marschrichtung wiederherzustellen und die Musiker womöglich gar vor einem tragischen Ende zu schützen. Ein Schritt zurück und zwei nach vor als oberste Maxime, um sich von alten Mustern zu lösen und künstlerisch neu zu erfinden.

Kompositorische Frischzellenkur
Die bereits vor einigen Wochen ausgekoppelte Single „Feet“ hat gezeigt: Überraschung gelungen. Anstatt sich im gewohnten Krach zu suhlen und möglichst vielen bewusst vor den Kopf zu stoßen, erklingt das britische Kollektiv ungewohnt aufgeräumt und experimentierfreudig. Dass „Serfs Up!“ so ganz anders klingt als alles andere zuvor, ist aber nicht nur dem Drogenwechsel (Ketamin und Weed statt Heroin und Kokain) geschuldet, sondern auch einer neuen Songwriter-Ausrichtung. Während Adamczewskis erzwungener Abwesenheit hat sich nämlich Lias Bruder und Keyboarder Nathan Saoudi zum zweiten Hauptkompositeur hochgearbeitet und der Band damit eine unzweideutige Frischzellenkur verpasst. Dies mündet in zahlreiche Highlights, die man sich in der Form niemals von der Band erwartet hätte. Etwa wenn im famosen „Tastes Good With The Money“ ein gregorianischer Choral den dichten Klangteppich verstärkt, oder sich das speziell betitelte „Vagina Dentata“ mit Piano- und Saxofon-Parts zu einem eigenwilligen Lounge-Track entwickelt.

Dabei war der gemeinsame Songwritingprozess im familiären Rahmen gar nicht leicht. Nathan war sich unsicher seine Gedanken so persönlich nach außen zu tragen und damit einhergehend blieben viele Themen unausgesprochen. Lias bezeichnete die Situation als eine Art „Power-Vakuum“, die dazu führte, dass sich die beiden erst einmal finden mussten, um einen gemeinsamen Weg für die Fat White Family zu ebnen. Wie in allen Familien war eben auch in der fetten weißen nicht alles rosarot, sondern durchzogen von Grau- und Schwarzschattierungen. Im Endeffekt hat man eine Linie gefunden, um das ironisch „The Difficult 3rd Album“ co-benannte Werk zu einem Amalgam aus formschönen Stilwechseln zu kredenzen. Glam-Rock-Parts, Streicher, Weltmusik-Anleihen und Funk-Passagen finden allesamt genug Raum, um die Fat White Family als Band völlig neu zu definieren und etwas Originäres in die übersättigte Popwelt zu hieven. 2019 gibt es die Provokation nun also mit mehr Stil und Verve. Keine schlechte Entwicklung - auch wenn man hoffentlich live nichts von der anarchischen Gefährlichkeit der „alten Tage“ verliert…

Robert Fröwein
Robert Fröwein
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