31.01.2019 07:19 |

Expertin meint:

„Frauen brauchen mehr Mut, um Peiniger anzuzeigen“

Sechs Tötungen seit Jahresbeginn: Die Gewalt an Frauen hat erschreckende Dimensionen angenommen. Die „Steirerkrone“ sprach mit Susanne Pekler vom Verein Neustart, wie man dieser Entwicklung entgegenwirken kann. Neustart arbeitet mit straffällig gewordenen Menschen und hilft ihnen auf den Weg zurück.

„Krone“Was sagen Sie zur aktuellen Debatte über die Gewalt an Frauen?
Susanne Pekler:
Es ist erschütternd, dass es immer wieder zu Tötungsdelikten, Tötungsversuchen und massiver Gewalteinwirkung gegenüber Frauen kommt. Ich bin aber sehr froh, dass es jetzt ein öffentliches Interesse gibt, Lösungen zu suchen.

Haben Sie eine Lösung?
Neustart hat Lösungen anzubieten. Wir sind schon sehr lange in diesem Bereich tätig, wie etwa in der Bewährungshilfe, betreiben Einzelarbeit mit verurteilten Tätern, arbeiten mit ihnen aber auch in Gruppen im sogenannten Anti-Gewalt-Training. Dorthin kommen Männer, die Frauen und Kinder geschlagen und verletzt haben. Leider kommt aber nur ein kleiner Teil im Vergleich zur Anzahl an Gewaltdelikten zu uns.

Wann kommt es zu Gewalt in der Familie?
Oft werden uns die Täter wegen Körperverletzungen im öffentlichen Raum zugewiesen, etwa nach Wirtshausraufereien. Weil wir aber wissen, dass jemand, der Gewalt als Problemlösungsstrategie anwendet, dieses Verhalten auch oft innerhalb der Beziehung einsetzt, enthält jedes unserer Anti-Gewalt-Trainings Module zum Thema „Gewalt in der Familie“. Seit vorigem Jahr bieten wir auch wieder eigene Anti-Gewalt-Trainings speziell für diese Zielgruppe an.

Wieso ist die Gewaltbereitschaft derzeit so hoch?
Was auffällt sind die Häufungen in diesem Monat. Ich hoffe, wir können nun von einer statistischen Spitze sprechen. Gewalttätigkeiten haben immer schon mit patriarchalischen Strukturen zu tun gehabt. Bekommt man Gewalt vorgelebt, ist man gefährdet, später selbst zum Täter zu werden.

In welcher Verfassung sind die Täter, wenn sie zu Neustart kommen?
Es gibt zwei Gruppen. Die einen sind über sich selbst schockiert, haben bereits eine Erkenntnis über ihr Tun erlangt. Die anderen kommen im Zorn, projiziert auf die Frau, weil sie ihnen die Polizei auf den Hals gehetzt hat. Wir sagen ihnen aber, dass sie ganz alleine dafür verantwortlich sind und erarbeiten mit ihnen, wie sie in solchen Situationen ein nützliches Verhalten zeigen können.

Muss man Frauen Mut zur Anzeige machen?
Auf jeden Fall! Aber man muss sie auch unterstützen. Geht eine Frau diesen Schritt, steigt für sie in diesem Moment die Gefahrensituation.

Oft werden Anzeigen wieder zurückgezogen. Warum?
Der Partner, oft auch Familienvater, ist ja nicht immer gewalttätig. Es gibt auch schöne Zeiten. Und gerade nach einem schlimmen Vorfall ist er besonders bemüht, liebevoll zu sein und verspricht alles. Deswegen werden Anzeigen oft wieder zurückgezogen. Das kann aber gefährlich sein für die Frau. Deswegen ist es immer besser, wenn beide zum Geschehen stehen.

Für Opfer gibt es Sofort-Anlaufstellen. Wie sieht es da für Männer aus?
Wir haben ein Konzept für eine Anlaufstelle für Menschen mit Betretungsverbot entwickelt. Es wäre wichtig, dass ihre Daten sofort an uns weitergegeben werden, um mit ihnen Kontakt aufzunehmen. Das ist momentan nicht so.

Wie wird bei Gewalttätern angesetzt?
Gewalt an sich ist ein Zeichen von Schwäche, Hilflosigkeit. Und das ist der Punkt, an dem wir ansetzen. Wir zeigen Tätern, wie man mit Schmerz, Angst und Enttäuschung richtig umgeht. Dafür braucht es aber diesen Zwangskontext. Für viele ist es eine zu hohe Schwelle zu sagen, ich gehe zu einer Beratungseinrichtung. Für sie muss klar sein, entweder du arbeitest an diesem Problem nachhaltig, oder du gehst in Haft.

Wie geht man mit Wiederholungstätern um?
82 Prozent unserer Teilnehmer fallen nicht mehr einschlägig auf, das hat eine Studie der Uni Linz ergeben. Das ist eine sehr hohe Quote! Man sieht, das Programm wirkt. Natürlich gibt es Rückfälle. Da beginnt man von vorne, möglicherweise kommt es auch zur Haft. Dann ist bei vielen ein Umdenken möglich.

Worauf muss nun der Fokus gelegt werden?
Vor allem auf Prävention und Ersttäter! In der Steiermark sind wir in einer besonderen Situation. Wir haben im Vergleich zu anderen Bundesländern dank engagierter Richter ein Vielfaches an Anti-Gewalt-Trainings und Zuweisungen. Österreichweit gibt es aber sehr viel zu tun!

Monika Krisper
Monika Krisper
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