29.01.2019 15:40 |

Vorstoß in Bayern

Erste Schulen bald mit WC fürs dritte Geschlecht

Das sorgt für Gesprächsstoff in Deutschland. In drei Volksschulen im Münchner Umland sollen die Schüler künftig zwischen drei stillen Örtchen wählen dürfen: einem für Mädchen, einem für Buben und einem für das dritte Geschlecht. „Das ist pädagogisch gesehen Quatsch“, kritisiert ein Experten für Gender Studies in der „tz“. Er spricht von „Toiletten-Segregation“ und sieht die eigentliche Lösung in Unisex-Toiletten - Toiletten also, die von allen Geschlechtern gemeinsam genutzt werden können. „Moderne Unternehmen handhaben das schon so“, so der Forscher.

2017 hatten die Verfassungsrichter in Deutschland und ein Jahr später auch die Höchstrichter in Österreich entschieden, dass neben männlich und weiblich künftig ein dritter Geschlechtseintrag im Geburtenregister (Deutschland) bzw. Personenstandsregister (Österreich) möglich sein muss. Der neue alternative Eintrag zum Geschlecht lautet „divers“.

Jedes Jahr werden in Österreich rund 30 Kinder geboren, deren Geschlechtsmerkmale nicht den gängigen Normen für männlich oder weiblich entsprechen. Weil sie zwar vielleicht weibliche Geschlechtsorgane besitzen, aber eben gleichzeitig männliche Chromosomensätze. Oder weil ihre Genitalien nicht eindeutig ausgebildet sind. In Deutschland werden rund 80.000 bis 100.000 Betroffene gezählt.

WC-Pläne in drei bayrischen Gemeinden
Das Thema WC wurde in diesem Zusammenhang in Deutschland in den letzten Jahren stark diskutiert. Entsprechende Pläne gibt es nun erstmals für neue Schulgebäude in den bayrischen Gemeinden Pullach, Taufkirchen und Garching. In Pullach ist die Idee für eine solche Toilette von einer externen Schulberaterin vorgebracht worden, bestätigte eine Gemeindesprecherin. „Wenn Sie schon neu bauen, dann sehen Sie doch gleich noch eine eigene Toilette vor für das dritte Geschlecht“, habe die Beraterin gegenüber der Gemeinde zu Bedenken gegeben.

Noch befinde man sich allerdings noch nicht einmal in der Planung. In Garching hingegen stehen laut der Münchner Zeitung „tz“ die Pläne schon, in Taufkirchen prüfe ein Architekturbüro die Idee. Mit den Klos für das dritte Geschlecht wären die Volksschulen Vorreiter im Freistaat. „Schulen, die aktuell eine solche Möglichkeit der dritten Toilette anbieten, sind uns derzeit nicht bekannt“, sagte ein Sprecher des bayerischen Kultusministeriums.

Experte: „Dramatisch und künstlich hochstilisiert“
Stefan Hirschauer hält nichts von eigenen Toiletten für das „dritte“ Geschlecht. Hirschauer ist Lehrstuhl-Inhaber für soziologische Theorie und Gender Studies an der Universität Mainz. Das sei „pädagogisch gesehen Quatsch“, spricht er gegenüber der Münchner „tz“ von einer „Toiletten-Segregation“. Die Entscheidung der Gemeinden sei wahrscheinlich „gut gemeint, aber hier wird ein vermeintliches Problem dramatisiert und künstlich hochstilisiert“, so der Experte. Bei Grundschülern sei das Bewusstsein für die Unterschiedlichkeit der Geschlechter gar nicht so ausgeprägt, wie man allgemein vermute. Allenfalls „Doktorspielen“ in Grundschul-WCs müsse man vorbauen.

Hirschauer sieht die eigentliche Lösung in sogenannten Unisex-Toiletten, die es seit einiger Zeit auch an mehreren Orten in Wien gibt, unter anderem in der Kunsthalle und - wie berichtet - an der Akademie der Bildenen Künste. Bei einer Unisex-Toilette sind sowohl WC-Schüsseln als auch Urinale räumlich getrennt integriert. Auch die Gleichstellungsbeauftragte im bayrischen Landratsamt, Hanna Kollan, sieht in der Umsetzung von Unisex-Toiletten einen „wichtigen Schritt, damit gerade transsexuelle und intersexuelle Menschen diskriminierungsfreier leben können“.

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