20.01.2019 07:00 |

Metal-Erfolgsband

Arch Enemy: Zwischen Popularität und Peinlichkeit

Innerhalb der letzten Jahre haben sich die Schweden Arch Enemy zu einer der populärsten und sogar Mainstream-tauglichen Extreme-Metalbands entwickelt. Doch die heile Fassade bekam Anfang dieses Jahres Risse. Der Grat zwischen Jubel und Hass ist im Internetzeitalter ein schmaler. Bandgründer und Gitarrist Michael Amott erklärt uns im Interview, warum oft sogar er selbst nicht zu 100 Prozent sicher ist, ob der Weg immer der richtige ist.

Was sich über den Jahreswechsel im Metal-Sektor zutrug, kann man nicht anders als ein absolutes PR-Fiasko bezeichnen. Die Kurzfassung: Ein Konzertfoto von Arch-Enemy-Sängerin Alissa White-Gluz wurde nicht nur von Band und Fans geteilt, sondern auch von der Bekleidungsfirma, um die eigenen Produkte zu bewerben. Der Fotograf meldete sich daraufhin, verlangte von der Firma, dass sie das Foto offline nehmen sollten und er auf ein Honorar verzichtet, aber im Gegenzug gerne eine Spende von 100 Euro für eine niederländische Krebsgesellschaft haben möchte. Die zuständige Chefin der Bekleidungsfirma entschuldigte sich für den Fauxpas, bezahlte die Spende, schloss aber Tage später ihren Laden, da sie vom auf sich einprasselnden Hass im Netz überrannt wurde. Keine Spende und keine Entschuldigung gab es von White-Gluz selbst und Bandmanagerin Angela Gossow, früher selbst am Mikro von Arch Enemy tätig. Die ritt sich Facebook-Posting für Facebook-Posting immer tiefer ins Chaos und hinterließ schlussendlich einen beträchtlichen Image-Schaden, der sich auch Tage nach der Causa nicht wirklich bereinigt hat.

Metal für den Mainstream
Inwiefern dieses Drama Auswirkungen auf die weitere Karriere der melodischen Death-Metal-Band hat, bleibt abzuwarten. 1,7 Millionen Fans auf Facebook, Headliner-Touren in und außerhalb Europas und respektable Festival-Slots sprechen für die multinationale Truppe mit Heimbasis Schweden. Vor allem seit Wirbelwind White-Gluz das Mikrofon in die Hand nahm, scheint der Aufstieg der Band unaufhaltsam, wie auch Gitarrist und Bandgründer Michael Amott im Interview mit der „Krone“ sagt: „Wir arbeiten wirklich hart, lassen kein Land aus und sind überall live zu sehen. Das würde aber alles nichts helfen, wenn wir keine Musik erschaffen würden, die Menschen interessiert und sie berührt. Aber klar, Bands wie wir oder Amon Amarth haben sicher den Weg dafür bereitet, dass Bands mit einer extremen Stimme und harten Riffs mittlerweile bis in den Mainstream reinschnuppern können.“

Die derzeitige Erfolgswelle ist nicht die erste für Bands in dieser Härteklasse. Vor 10-15 Jahren waren etwa auch In Flames oder Children Of Bodom schon in ähnliche Popularitätssphären vorgedrungen, konnten ihren Hype aber nicht so langfristig mitnehmen, wie es derzeit Arch Enemy zu Gelingen scheint. „Dass wir Alissa als Sängerin bekamen, das Album ,War Eternal‘ veröffentlichten und mit ihm gut 300 Konzerte gaben, war sicher ausschlaggebend für den Sprung“, versucht Amott eine Erklärung zu finden, „wir kannten auch keine Berührungsängste. So hatten wir eine Co-Headliner-Tour mit den Thrashern von Kreator und waren im Vorprogramm von Nightwish durch Europa unterwegs. Dafür möchte ich mich bei Nightwish noch einmal bedanken, denn sie hätten auf Nummer Sicher gehen und eine melodischere Band mitnehmen können.“ Der Höhenflug von Arch Enemy schien zumindest bis zur Foto-Causa kein Ende zu nehmen. Das ist insofern verwunderlich, dass zumindest Amott gar nicht unbedingt darauf aus war, mit dieser Band dermaßen durchzustarten. „Ich persönlich bin in zwei verschiedenen Welten gefangen“, lacht er, „in meinem Herzen bin ich immer noch DIY-Punk und Underground-Metaller. In meinem Zimmer hingen nie Poster von KISS, ich hatte keinen großen Rockstartraum.“

Independent-Gedanke
Diese Liebe zum Punk schlägt sich nicht zuletzt im brandneuen Cover-Album „Covered In Blood“ nieder. Dort toben sich die Skandinavier neben erwartbaren Covers von Judas Priest oder Iron Maiden auch an Songs von kultigen Punk- und Punkrockbands wie Anti-Climex, Skitslickers, Discharge oder G.B.H. aus. „Ich müsste lügen, wenn ich nicht zugebe, dass diese Situation für mich manchmal ein innerer Konflikt ist. Du gerätst unweigerlich in Situationen, wo du überlegst, aus welchen Gründen du überhaupt in die Branche gekommen bist. Wir sind aber gut ausbalanciert und die Integrität passt. Wir arbeiten zumindest wie eine Independent-Band, weil wir uns selbst managen, die Touren zusammenstellen und auch das Merchandise selbst machen. Ich drucke jetzt keine Flyer mehr, bin aber für das Design verantwortlich. Die Musik ist im Endeffekt das Allerwichtigste und wir können auch bei einem Clubkonzert vor 300 Leuten genauso viel Spaß haben wie bei den großen Festivalshows.“

Arch Enemy berufen sich in ihren Texten auch nicht auf Wikingerschlachten oder das Drachentöten, sondern lassen immer wieder politische und sozialkritische Passagen einfließen. „Ich hasse Bands, die predigen, aber Denkanstöße kann man durchaus geben. Es gibt viele Bands, die sich wohlfühlen darüber zu singen, dass ein Drache in einer Feuersbrunst gen Sonnenuntergang reitet. Das ist absolut okay, aber für uns wäre diese Fantasy nichts. Ich selbst bin ein positiver Mensch, der die Welt zu einer besseren machen will. Im Gegensatz zu vielen anderen Bands predigen wir nicht die Dunkelheit, sondern versuchen stets, das Licht am Ende des Tunnels zu finden. Wir alle stehen im Leben vor vielen Kreuzungen und Herausforderungen und müssen versuchen, die richtige Abzweigung zu erwischen. Musikalisch weiß ich nicht, ob wir extremer oder melodischer werden. Ich lebe irgendwo zwischen Deicide und Hammerfall.“ Doch die jüngere Vergangenheit zeigt - Ruhm und Erfolg sind vergänglich, wenn man sich zu sehr in abgehobene Arroganz und Ignoranz erhebt. Es bleibt abzuwarten, ob das Social-Media-Fiasko nachhaltig schade, oder die Erfolgstruppe auch über diesen Rückschlag hinwegwirbelt.

Robert Fröwein
Robert Fröwein

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