Sa, 19. Jänner 2019

Traditioneller Besuch

17.12.2018 11:00

Der Bischof suchte die Nähe zu vielen Gefangenen

Die Advent- und Weihnachtszeit hat in der Justizanstalt Innsbruck Einzug gehalten. Die besinnlichen Tage wurden kürzlich von Bischof Hermann Glettler mit seinem traditionellen Besuch eingeleitet. Er schenkte den Insassen nicht nur ein offenes Ohr und spendete Krankensalbungen, sondern hielt auch einen Gottesdienst.

Aufregung, etwas Hektik und Vorfreude waren in der Vorwoche im „Ziegelstadl“ spürbar. Es war ein ganz besonderer Tag für die Justizwache-Beamten sowie die Insassen. Denn Bischof Hermann Glettler ließ es sich nicht nehmen, der Anstalt in Ruhe einen Besuch zur Weihnachtszeit abzustatten.

Er kümmerte sich um jene Inhaftierten, die in der oftmals emotional belastenden Advent- und Weihnachtszeit besonders den Kontakt zu einem Seelsorger suchen.

Jahreskalender spielt eine sehr große Rolle
„In Form von Einzelgesprächen spendet er Insassen Krankensalbungen, die als Stärkung gedacht sind. Einige von ihnen sind haftmüde und haben Suizidversuche hinter sich, andere sind frisch in der Anstalt angekommen und haben große Angst vor diesem neuen Abschnitt“, erklärte Gefängnis-Seelsorger Andreas Liebl, der den Bischofsbesuch vorbereitet hat, den Sinn.

Höhepunkt war allerdings der Gottesdienst mit dem Bischof in der Gefängniskapelle, an dem einige der Inhaftierten - in Summe rund 60 Personen - teilnehmen konnten. „Neben dem gläubigen Miteinander vor Gott nahm der Jahreskalender eine wichtige Rolle ein“, verdeutlichte Liebl. Er wurde an die Inhaftierten verteilt.

Viele von ihnen hängen sehr an diesen Kalendern. Sie streichen die abgesessenen Hafttage durch und tragen Termine mit Psychologen, Sozialarbeitern und mit dem Seelsorger sowie Besuche von Familienangehörigen ein. „Bei den Gesprächen kommt es zu bewegenden Momenten“, so Liebl.

Weihnachtstöne klingen von außen in Haftzellen
Die Militärmusik Tirol umrahmte den Gottesdienst mit vertrauten, weihnachtlichen Klängen und sorgte nach der Messe für einen besonderen Moment: Die Musikanten stimmten auf einer Anhöhe vor den Gefängnismauern schöne Weihnachtslieder an, die durch die Gitter in die Zelle hallten. „Auch wenn wir es nicht sehen: die Inhaftierten sind gerührt“, berichtet Liebl.

Nachdenklich blickte der Bischof auf die Justizanstalt. „Trotz der begangenen Straftat dürfen wir den Menschen im Menschen nicht vergessen“, erklärte Glettler.

„Dürfen Straftäter nicht abschreiben“
Bischof Hermann Glettler verdeutlicht im „Krone“-Interview, wie es ihm hinter Gittern ergeht und warum es unabdingbar ist, Straftäter nicht abzuschreiben.

Herr Bischof, sind Sie zum ersten Mal hinter Gittern?
Nein, ich war auch schon im Vorjahr in dieser Haftanstalt. Viel wichtiger als mein Besuch ist, dass es hier nicht nur im Advent eine gute Seelsorge gibt. Es ist ein Angebot für all jene, die dies wünschen.

Wie ist es, den Tag im „Ziegelstadl“ zu verbringen und eine Messe abzuhalten?
Das sind spezielle Momente, obwohl ich schon oft in anderen Gefängnissen war. Leider braucht unsere Gesellschaft zum Schutz vor Straftätern solche Einrichtungen. Trotzdem sollte es uns gelingen, mit den Insassen in Kontakt zu bleiben. Wir dürfen sie nicht abschreiben. Es sind Menschen und keine Monster. Nach der Haft müssen sie wieder Teil der Gesellschaft werden.

Ist Ihr Anstaltsbesuch an eine Botschaft geknüpft?
Ich will den Inhaftierten zeigen, dass sie von uns nicht vergessen werden. Obwohl sie eine Straftat begangen haben und dafür ihre Strafe absitzen, gibt es etwas, was uns als Menschen verbindet. Als Bischof möchte ich ihnen außerdem den Trost Gottes zusprechen und sie zu einem Schritt der Versöhnung einladen.

Werden Täter, die eingesperrt sind, religiöser oder verlieren sie ihren Glauben?
Beides ist möglich. Es gibt viel Verbitterung und innere Verhärtung - besonders wenn jemand trotz Verurteilung nicht bereit ist, Verantwortung für seine Tat zu übernehmen. Aber es gibt auch einige, die in der Extremsituation wieder zum Glauben finden. Die meisten sind über das Angebot der Seelsorge froh, auch wenn es sprachlich nicht immer leicht ist.

Jasmin Steiner
Jasmin Steiner

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