So, 23. September 2018

Unesco-Jubiläum

28.07.2018 05:00

Semmering - der bezwungene Berg

Carl von Ghegas Geniestreich bleibt ein Wunderwerk der Ingenieurskunst: Die Semmeringbahn, ab 1848 gebaut, wurde 1998 als erste Zugstrecke der Welt zum Unesco-Weltkulturerbe erklärt. Das 20-Jahre-Jubiläum wird heute auf dem Semmering mit einem Festakt gefeiert.

Almwiesenduft, Grillenzirpen, Vogelzwitschern. Die Sonne brennt auf den Löwenzahn zwischen den Gleisen. Dann ein Windhauch, ein Surren und Knirschen. Donnernd fegt eine schier endlose Reihe an Güterwaggons durch die Bergbeschaulichkeit. Bis zu einem dreiviertel Kilometer lang können die Züge werden, die über den Semmering schnaufen. Und jedes Mal aufs Neue ist es ein Wunder der Technik.

1998 in den „Adelsstand“ erhoben
Dass die Semmeringbahn ein Wunderwerk ist, das ist seit exakt 20 Jahren amtlich. Und das wird am heutigen Samstag auch groß gefeiert (siehe Infokasten links). 1995 hatte die Republik Österreich das gewaltige Bauwerk als Kandidaten für das Weltkulturerbe eingereicht - noch vor dem Schloss Schönbrunn. 1998 kam dann die Zusage.

„Die Unesco musste erst jahrelang prüfen, ob eine Eisenbahnstrecke diese Auszeichnung überhaupt kriegen kann“, erzählt Kerstin Ogris. Die Mürztalerin ist Museumsleiterin im Mürzzuschlager Südbahnmuseum, wo sich alles um die legendäre Strecke zwischen der Steiermark und Niederösterreich dreht. „Letztlich gab es ein paar Kriterien, die klar dafür sprachen: Zum einen stellt die Semmeringbahn eine herausragende technische Lösung dar. Zum anderen hat sich durch sie auf dem Semmering mit all den Villen und Hotels eine neue Art von Kulturlandschaft entwickelt.“

1848: Nach der Revolte musste Arbeit her
Das war dem Wiener Kaiserhaus allerdings gar kein vordergründiges Anliegen, als es 1848 den Auftrag zum Bau erteilte: Gerade erst hatten die hungernden Österreicher im Zuge der Märzrevolution den verhassten Kanzler Metternich verjagt. Da kam ein prestigeträchtiges Infrastrukturprojekt, das vielen Menschen Arbeit gab, der Obrigkeit sehr gelegen.

Die Pläne für den Megabau, der auch eine wichtige Lücke entlang der Südbahn von Wien nach Triest schließen sollte, lieferte ein Genie: Carl von Ghega, 46-jähriger Ingenieur aus Venedig. Er entwarf eine geschwungene Streckenführung, die die 21 Kilometer Luftlinie zwischen Mürzzuschlag und Gloggnitz auf 42 Gleis-Kilometern bewältigte - und dabei 16 Viadukte, 100 Steinbrücken und 14 Tunnels passierte. Vom niederösterreichischen Gloggnitz bis zum Scheitelpunkt am Semmering liegen 459 Höhenmeter. Um sie zu bezwingen, plante Ghega Steigungen von bis zu 2,8 Prozent. „Das ist für einen Zug sehr ordentlich“, weiß Bahnhistoriker Christoph Posch. „Die Lokomotive, die so eine Steigung schaffte, musste damals erst erfunden werden. Es gab dafür sogar einen eigenen Wettbewerb.“

1043 Tote beim Bau
Posch bewundert die Semmeringbahn: „Es ist eine der herausragendsten Bahnstrecken der Welt, ein Glanzstück mit den damaligen Mitteln. Die Leute arbeiteten im Prinzip mit Hammer und Meißel - und ein bisserl Schwarzpulver.“ Aber auch der Tod baute mit: 1043 Menschen ließen bis zur Fertigstellung ihr Leben. 89 bei Unfällen, die anderen durch Krankheiten in den Arbeiterlagern.

1854 fuhr dann der erste Zug über den Semmering. Zwei Stunden und vier Minuten betrug die Fahrzeit. Heute reichen auf der unveränderten Strecke 42 Minuten; täglich verkehren 170 Züge - mit zehn Millionen Tonnen im Jahr.

Wenn Tunnel fertig ist, soll Tourismus wachsen
Und was passiert mit dem Weltkulturerbe, wenn 2026 der 27 Kilometer lange Semmeringbasistunnel fertig ist? Als Ausweichstrecke bleibt es fix erhalten, heißt es von den ÖBB. Doch Museumsleiterin Kerstin Ogris wünscht sich als passionierte Bahnfahrerin mehr: „Ich hoffe, dass das touristische Potenzial dann ausgeschöpft wird. Die Fahrt ist jedes Mal ein Erlebnis, das Panorama ein Traum!“

Festakt
Heute findet von 11 bis 14 Uhr ein Festakt beim Bahnhof Semmering statt, zu dem unter anderem Niederösterreichs Landeshauptfrau Johanna Mikl-Leitner erwartet wird. Semmeringbahn-Gemeinden von Mürzzuschlag bis Gloggnitz feiern die Erhebung zum Unesco-Weltkulturerbe vor 20 Jahren.

Südbahmuseum
Das Südbahnmuseum in Mürzzuschlag hat von Ostern bis November täglich außer Dienstag von 10 bis 13 sowie 14 bis 17 Uhr geöffnet. www.suedbahnmuseum.at

Matthias Wagner
Matthias Wagner

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