12.06.2018 06:30 |

Ängstliche Politik

Wann frisst Graz seinen Speckgürtel?

Seit Jahren schwelt das brisante Thema eines Zusammenschlusses von Graz-Umgebung (GU) und Graz im Untergrund. Kein Politiker wagt es, sich offensiv dafür auszusprechen, aus Angst, einen politischen Flächenbrand auszulösen. Unter vier Augen freilich gibt es kaum jemanden, der nicht zugeben würde, dass die Fusion unausweichlich oder gar wünschenswert wäre. Der erste Teil einer Analyse…

2015 wurden viele steirische Gemeinden fusioniert - Graz und seine Nachbarn blieben damals ausgespart. Aktuell wollen Bärnbach und Voitsberg zusammenwachsen. Wir haben beim Grazer VP-Bürgermeister Siegfried Nagl und seinem blauen Vize Mario Eustacchio nachgefragt, wie es um Graz und GU steht.

Blaue für Volksbefragung
Wie zu erwarten, sind die Antworten vorsichtig. Eustacchio lehnt sich allerdings weiter hinaus als Nagl, möchte eine Volksbefragung, aber niemanden zu Fusionen zwingen: „Die Menschen müssen im Vorfeld genau über die Vor- und Nachteile aufgeklärt werden.“

Nagl würde „Gemeinden mit offenen Armen willkommen heißen, die freiwillig zu Graz wollen. Es gibt aber keinen Druck. Wir arbeiten im Zentralraum Graz und Graz-Umgebung sehr gut zusammen.“

Ihre „Steirerkrone“ analysiert in den kommenden Tagen, welche Vor- und Nachteile ein Zusammenschluss von Graz und GU hätte. Eines kann man vorweg sagen: Graz hätte mehr Vorteile.

Die Analyse: Wirtschaft

- 184.000 Jobs gibt es in Graz - die Hälfte (!) davon ist an Nicht-Grazer vergeben.  Die Menschen wohnen ganz gern im ruhigeren, günstigeren Speckgürtel von Graz und arbeiten dann in der Stadt.

- Der große Vorteil der kleinen GU-Gemeinden ist die schlankere Bürokratie - Betriebsansiedelungen sind so viel schneller möglich als im „Moloch“ Graz. Was in Graz mitunter Jahre dauert, geht in GU schon einmal binnen weniger Monate.

- Bei der Ansiedelung neuer Unternehmen profitieren GU-Gemeinden natürlich sehr vom nahen Graz. In Graz gibt es die Infrastruktur (Unis, Krankenhäuser, Kultureinrichtungen usw.), die insbesondere größere Firmen wollen.

- Für die Ansiedelung von Firmen natürlich auch wesentlich sind die Verfügbarkeit und das Preisniveau von Grundstücken. In beiden Fällen ist GU meistens im Vorteil. Für die Betriebe gibt es, etwa im Bereich Logistik oder der Verfügbarkeit von Arbeitskräften, eigentlich gar keine Nachteile, wenn sie Graz meiden.

Die Analyse: Umwelt
- Die Umweltproblematik ist natürlich besonders eng mit der Verkehrsproblematik verknüpft (Lärm, Emissionen, Staubaufwirbelungen usw.) - es geht nur gemeinsam (siehe auch Analyse Verkehr unten).

- Der Feinstaub kennt keine Ortsgrenzen. Mit einem Anteil von 28 Prozent an der Feinstaubbelastung ist der Hausbrand einer der Hauptverursacher. Der Anteil ist seit 2007 um sieben Prozent gestiegen. Um die zehn Millionen Euro investiert die Stadt Graz jährlich in den Ausbau der Fernwärme. Entschlossene Maßnahmen bräuchte es aber auch in Graz-Umgebung. Unter einem gemeinsamen Grazer Dach wäre dort wohl mehr möglich.

- Grünraumsicherung ist nicht nur in Graz großes Thema, sondern auch im zunehmend verbauten Grazer Umland. Hier würde ein übergeordnete Freiraumstrategie Sinn machen.

- In Graz gibt es zahlreiche kleinere Umwelt-Initiativen, die auch GU gut anstehen würden, etwa jene zur Vermeidung von Essensabfällen, plastiksackerlfreie Geschäfte usw.

Die Analyse: Verkehr
- 90.000 Menschen pendeln täglich nach Graz hinein, 30.000 Grazer pendeln täglich aus Graz hinaus, vor allem in die GU-Gemeinden. Etwa die Hälfte ist mit dem Auto unterwegs. Mehr Argumente für ein strategisch durchdachtes gemeinsames Vorgehen von Graz und GU-Gemeinden braucht es wohl eigentlich nicht.

- Die Grazer Öffis enden in der Regel an der Grazer Stadtgrenze - völlig absurd, wenn man mehr Menschen in die Öffis locken will. Das Problem sind die Kosten - GU-Gemeinden zahlen beim teuren Öffi-Ausbau nicht mit. Ja, auch GU-Bürger kaufen Öffi-Tickets, aber der Betrieb und der Ausbau kostet viel mehr als die Ticket-Einnahmen bringen.

- Bis 2030 werden in Graz und Graz-Umgebung mehr als 500.000 Menschen leben - um etwa 40.000 mehr als jetzt. Was das für die Verkehrsinfrastruktur bedeutet, kann man sich leicht ausmalen. Schon jetzt sind die Straßen und Öffis zu Stoßzeiten oft hoffnungslos überfüllt.

- Wer etwas gegen die Blechlawine tun will, muss auf Öffis setzen und auch auf Räder. So braucht es Rad-Highways ins Umland - bis dato unmöglich…

Gerald Richter
Gerald Richter
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