08.06.2018 15:02 |

Theater-Festival:

Ausbruch aus den Konventionen

Der zweite Tag des Dramatiker*innen-Festivals in Graz reizte mit den Produktionen „Bergeins“ und „Der Staat“ die Grenzen des Theaters aus. Das „Redemobil“ und das temporäre  Interpretationszentrum in der Sauraugasse ermöglichen  zudem einen barrierefreien Zugang zur Gegenwartsdramatik.

Mit seiner für das brut Wien erarbeiteten theatralen Installation „Bergeins“ gastierte das Kollektiv Freundliche Mitte (Gerhild Steinbuch, Philine Rinnert, Sebastian Straub u. a.) im Rahmen des Festivals im Dom im Berg. Es ist ein lauter, manchmal düsterer, manchmal auch sehr bunter Mahnruf gegen rechts, ein wortgewaltiges Hinterfragen des Begriffs Heimat und ein zum Nachdenken verdonnerndes, sehr politisches Stück. Und man muss es sich erarbeiten, indem man die einzelnen Stationen abwandert. Sehr gelungen!

Theater ohne Schauspieler
Man stelle sich ein Theater vor, das ohne Schauspieler und Regie auskommt: In „Der Staat“ von Alexander Manuiloff aus Bulgarien stehen die Konventionen der Kunst in Wechselwirkung mit der politischen Situation seines Heimatlandes. Das Publikum im Theater am Lend sitzt im großen Sesselkreis. Nach Minuten unangenehmer Stille macht sich der Erste auf, den Brief auf dem Tisch in der Mitte zu öffnen: „Die Vorführung wird in fünf Minuten beginnen.“ Zögern, Warten, Stille. Bis jemand die mit weiteren Briefen gefüllte Box öffnet. Die Geschichte, die sie erzählen, ist an Plamen Goranov angelehnt. 2013 verbrannte sich der politische Aktivist aus Protest gegen die korrupte Regierung bei lebendigem Leib. Die Vorstellung spricht in Briefform zu ihrem Publikum und reflektiert sich selbst: Widersprüchliche Aussagen über die Dauer wechseln sich ab mit Aufrufen zum Abbruch der Performance. Und doch bleibt man gefangen.

Das Publikum muss sich entscheiden: Breche ich aus meiner Zuseher-Rolle aus oder lasse ich mich berieseln? Man lernt sich selbst und die anderen auf besondere Weise kennen. Wer öffnet den nächsten Brief? Wer bricht die Regeln? Wird sich ein demokratisches System durchsetzen oder wird es scheitern? Ein fordernder Abend, der die Möglichkeiten des Theaters gnadenlos auslotet.

Mit dem Redemobil auf der Straße
Um die Barriere zwischen Publikum und Bühne aufzubrechen, stellt das Festival Kunst mitten in die Öffentlichkeit. Wer heute dem „Redemobil“ in den Straßen von Graz begegnet, kann Ansprachen hören und sich mit den Schauspielern austauschen. Auch das Interpretationszentrum Sau.Rau öffnet nochmals seine Pforten. „Leises Kerosin“ von Anah Filou um 18.30 Uhr zum Beispiel besticht nicht nur mit starker Sprache, sondern auch mit dem artistischen Hund Paulchen.

Weitere Infos und Termine finden Sie hier

Michaela Reichart und Hannah Michaeler

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