Mi, 19. September 2018

Schlimmes Geständnis

12.03.2018 11:04

Mertesacker: „Am liebsten sitze ich auf der Bank“

In seinem 15. Jahr als Fußball-Profi legt Per Mertesacker ein schockierendes Geständnis ab. Im Sommer wird der DFB-Weltmeister seine aktive Karriere beenden und danach als Nachwuchsleiter bei Arsenal tätig sein. In einem Interview mit dem deutschen Magazin „Spiegel“ sprach der 33-jährige Deutsche nun über die Schattenseiten des Profifußballs, kritisierte das System und erzählte dass er vor jedem Spiel Brechreiz hatte.

Es ist sein letztes Jahr als Fußballprofi. Und Per Mertesacker ist froh darüber. „Alle sagen, ich solle das letzte Jahr richtig auskosten. Aber am liebsten sitze ich auf der Bank, noch lieber auf der Tribüne“, erzählt der Arsenal-Innenverteidiger im „Spiegel“-Interview. „Irgendwann realisierst du, dass alles eine Belastung ist, körperlich und mental. Dass es null um Spaß geht, sondern dass du abliefern musst, ohne Wenn und Aber.“

Sommermärchen als „Horror-Szenario“
Der riesige Druck, dem er als Profi ausgesetzt war, verursachte oft Brechreiz und Durchfall bei ihm. Besonders schlimm war es bei der Heim-WM 2006. Der Druck habe ihn fast aufgefressen. Das Sommermärchen wurde für Mertesacker zum „Horror-Szenario“.

„Klar war ich auch enttäuscht, als wir gegen Italien ausgeschieden sind, aber vor allem war ich erleichtert. Ich weiß es noch, als wäre es heute. Ich dachte nur: Es ist vorbei, es ist vorbei. Endlich ist es vorbei“, gesteht der Abwehrspieler aus Hannover. 

„Dieses ständige Horrorszenario, einen Fehler zu machen, aus dem dann ein Tor entsteht. Die Angst hat man auch bei anderen Spielen, dass du immer wieder zur Anzeigetafel guckst, die Minuten zählst. Aber bei der WM, das war unmenschlich. Aber hätte ich das sagen können? Dass ich froh war, dass wir raus sind?“

Auch der Suizid von Robert Enke wird in den Interview thematisiert. Das Gerede über Menschlichkeit im Fußball seien nur „schöne Worte“, kritisiert er. „Selbst ich habe nichts davon mitbekommen, wie schlecht es ihm ging. Das sagt einiges aus, oder?“

Jetzt mit 33 ist Schluss für ihn. Er freut sich darauf, zum ersten Mal in seinem Leben „frei zu sein“. Das war er nur während seinen Verletzungspausen. „Wenn ich nicht mehr konnte, war ich verletzt, so war es immer. Ich behaupte sogar, dass viele wiederkehrende Verletzungen psychisch bedingt sind. Dass der Körper der Seele damit zu Ruhe verhilft. Aber das hinterfragt niemand.“

Als künftiger Nachwuchsleiter bei Arsenal möchte er „das System angreifen. „Wir sind für die Jungs verantwortlich, die zu uns kommen. Die dürfen nicht alles auf die Fussballkarte setzen, die Schule vernachlässigen.“

Kritik von Matthäus und Calmund
Sein Interview löste heftige Reaktionen aus. Vor allem von Lothar Matthäus kam Kritik: „Wie will er einem jungen Spieler Professionalität vermitteln, wenn er sagt, dass das zu viel Druck ist? Das geht nicht.“

Auch Reiner Calmund zeigt Unverständinis: „Wenn er nicht mit dem Druck zurechtgekommen ist, hätte er halt aufhören sollen. Warum hat er dann nach der WM 2006 noch weitergespielt?“

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