"Krone"-Interview

Kapellari: “Lärm und Hektik sind unnötig stark”

Steiermark
06.12.2008 20:21
Advent, Zeit der Stille, des Innehaltens - auch, wenn rundherum die Hektik dominiert. Viele entdecken um das Weihnachtsfest wieder ihre religiösen Gefühle, wenden sich dem Glauben zu. Das registriert auch der steirische Diözesanbischof Egon Kapellari, der Gerald Schwaiger und Ernst Grabenwarter von der "Steirerkrone" zum großen Interview über Gott und die Welt geladen hat.

Herr Bischof, was bedeutet der Advent in unserer Gesellschaft?
Egon Kapellari: "Die Adventzeit ist weiterhin stark durch christliche Bräuche geprägt - Adventkranz, Weihnachtslieder, Roratemessen (Messfeier zu Ehren Marias). Viel geht da aber am Wesentlichen vorbei. Lärm und Hektik sind unnötig stark. Eine Konsumentenschelte vor Weihnachten liegt mir aber ganz fern. Ich achte auf die Freiheit der Menschen!"

Haben Sie Angst, dass sich irgendwann einmal der eigentliche Sinn von Weihnachten verflüchtigt?
"Weihnachten ist ein starkes Fest. Es hält viel Entfremdung aus. Wenn aber die christlichen Feste weiterhin ausgehöhlt werden, dann wird die ganze Gesellschaft viel Zusammenhalt, viel Sinn verlieren. Wache Menschen müssten da stärker gegensteuern."

Stichwort Finanzkrise. Merken Sie, dass sich Menschen in Notzeiten verstärkt der Kirche zuwenden?
"Der religiöse Spruch 'Mensch werde wesentlich' hat in Notzeiten mehr Chancen auf Gehör. Not lehrt aber nicht nur Beten, sie kann auch depressiv machen und das Fluchen lehren. Was das Helfen betrifft: Als Kirche sind wir in solchen Zeiten zum Helfen besonders herausgefordert."

Thema Jugend und Kirche. Die Weltjugendtage in Köln und Sydney haben gezeigt, dass sich Jugendliche für Religion interessieren. Bemerken Sie diese Tendenz auch in der Steiermark?
"Es gibt auch in der Steiermark viele kirchliche Jugendmilieus und Jugendaktivitäten. Die Tendenz ist steigend. An Großereignissen wie die Weltjugendtage in Köln und Sydney und Jugendtreffen in Pöllau und Mariazell war die steirische Beteiligung im Österreich-Vergleich besonders hoch. Erfreulich ist auch, dass sich beim kirchlichen Sozialprojekt '72 Stunden ohne Kompromiss' von Jahr zu Jahr mehr steirische Jugendliche beteiligen."

Es gibt immer wieder Behauptungen, Schüler würden sich vom Religionsunterricht abmelden. Stimmt das?
"Man kann keinesfalls von dramatischen Einbrüchen sprechen. 98 Prozent aller katholischen Schüler besuchen in der Steiermark den Religionsunterricht. In Berufsschulen ist das fast flächendeckend. Ein Problem entsteht aber z. B., wenn die Zahl muslimer Schüler in einer Volksschulklasse so groß ist, dass dort nur mehr eine katholische Religionsstunde stattfinden kann."

Der Fall einer 55-jährigen Mutter in Graz, die Zwillinge bekommen hat, regt auf. Was ist Ihre Meinung dazu?
"Ich habe Respekt vor dem Glücksbedürfnis solcher Menschen. Der Trend, das Glück des Einzelnen über das Wohl der ganzen Gesellschaft zu stellen, ist aber gefährlich. Da größtmögliche Wohl der Kinder muss entscheidend sein. Ich teile auch voll und ganz das Mitleid mit Komapatienten. Das darf jedoch nicht den Widerstand der Gesellschaft gegen die aktive Sterbehilfe zu Fall bringen. Gefühle allein ohne Achtung von Prinzipien können das sehr schädlich sein."

Reizwort Priestermangel. Machen Sie sich Sorgen?
"Wir sind in der Steiermark bedeutend besser dran als anderswo, heuer habe ich sieben Männer zu Priestern geweiht, nächstes Jahr werden es sechs sein. Darüber hinaus können wir uns auf ein breites Netz der Seelsorge durch Laien verlassen. Das hat es früher noch nicht gegeben. Man kann den Priestermangel nicht wegreden, aber gelähmt sind wir nicht!"

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