Interview

„Beim Helfen geht es um die Menschlichkeit!“

Funken Wärme
30.11.2025 14:00

Explodierende Energie- und steigende Lebenshaltungskosten belasten immer mehr Menschen. Die Aktion „Ein Funken Wärme“ von Caritas und „Kronen Zeitung“ hilft! Schirmherrin Barbara Stöckl im Gespräch über berührende Schicksale und die wichtige Hilfsaktion. 

Armut in Österreich – sie bedeutet auch, dass man eine Winterjacke am Küchentisch tragen muss, Rechnungen ungeöffnet bleiben und Kinder nicht zum Skikurs fahren können. Sie betrifft außerdem immer mehr Menschen: Derzeit sind rund 1,28 Millionen Österreicher armutsgefährdet, über 14 Prozent der Bevölkerung.

Seit beinahe zwei Jahrzehnten unterstützt die Initiative „Funken Wärme“ Menschen, die durch Teuerung und Krisen an ihre Grenzen geraten: Mit bereits 30 Euro werden Heizkostenzuschüsse, Energieberatung oder Heizungsreparaturen ermöglicht – damit Familien nicht in der Kälte sitzen müssen. „Krone“-Ombudsfrau Barbara Stöckl steht der Aktion seit Jahren eng zur Seite – nicht als prominentes Gesicht, sondern als jemand, der zuhört und sieht, wo Hilfe sofort nötig ist.

„Krone“: Warum ist „Ein Funken Wärme“ heute wichtiger denn je?
Barbara Stöckl: In den letzten Jahren hat sich das Thema dramatisch zugespitzt. Früher betraf Energiearmut vor allem sozial schwache Menschen, aber heute ist sie in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Menschen mit durchschnittlichem Einkommen kommen finanziell über die Runden – aber nur bis etwas Unvorhergesehenes passiert. Wenn die Energiekosten explodieren und vielleicht der Partner den Job verliert, rutschen Familien sehr schnell unter die Armutsgrenze. Die letzten Krisen haben das Thema sichtbar gemacht wie nie zuvor.

Worum geht es bei der Aktion konkret?
Menschen, die ihre Energiekosten oder inzwischen auch Lebensmittel nicht mehr bezahlen können, wenden sich an die Caritas-Sozialberatungsstellen. Dort wird jeder Fall individuell angeschaut: Welche Förderungen gibt es? Welche Unterstützungen wurden beantragt? Was braucht es sofort? Wir können nur das verteilen, was Leserinnen, Leser und Unternehmen spenden – und der Bedarf ist leider viel größer als unsere Möglichkeiten. Aber eine Überbrückung kann verhindern, dass Menschen delogiert werden.

Welche Schicksale begegnen Ihnen besonders oft?
Vor allem die von Alleinerziehenden, Frauen sowie Mindestpensionistinnen und Mindestpensionisten. Wenn dann Krankheit oder ein Schicksalsschlag dazukommt, macht das viele ohnmächtig. Ich erinnere mich an eine Mutter, die mit ihren Kindern zu Hause im Anorak gesessen ist, weil sie sich die Heizung nicht leisten konnte. Wer die Energiekosten bezahlt, kann oft die Miete nicht zahlen – das hat Folgen bis hinein ins soziale Leben der Kinder. Auch fehlende Finanzkompetenz spielt dabei eine Rolle, denn sie verschärft Armut enorm. Viele wissen nicht, wie man Prioritäten setzt – was zuerst bezahlt werden muss und welche Konsequenzen etwas hat. In einer Welt, die suggeriert „Jeder kann alles haben“, ist das nicht trivial.

Zitat Icon

Menschen machen Fehler, das ist menschlich. Das kann kein Kriterium dafür sein, ob jemand Unterstützung verdient.

Barbara Stöckl

Armut ist für viele Menschen nach wie vor unsichtbar – warum?
Weil viel Scham dahintersteckt. Wir sehen Menschen, die ihre Rechnungen nicht mehr öffnen, weil es für sie zu viel ist. Der Druck ist immens. Irgendwann wird die Realität verweigert, weil man sie nicht mehr bewältigen kann. Viele ältere Menschen brauchen analoge Beratung und echte Begegnung – denn nicht alles lässt sich digital lösen. Was man nicht vergessen darf: Armut ist ein strukturelles Problem. Wir sind oft schnell mit der Frage „Wer ist schuld?“. Aber die erste Frage muss lauten „Was brauchst du?“. Menschen machen Fehler, das ist menschlich. Das kann kein Kriterium dafür sein, ob jemand Unterstützung verdient. Hilfe muss auf Augenhöhe passieren.

Was kann die Aktion „Ein Funken Wärme“ bewirken?
Eine Überbrückung kann verhindern, dass jemand aus dem System fällt. Wenn du einmal delogiert bist, ist der Weg zurück in ein selbstständiges Leben viel schwieriger. Deshalb sind Spenden so wichtig. Und sie machen einen Unterschied – egal, wie klein: Schon eine Kerze reicht, um einen dunklen Raum heller zu machen. Dieses Bild begleitet mich seit vielen Jahren, weil es zeigt, wie stark kleine Gesten wirken. Für viele bedeutet die Unterstützung nicht nur finanzielle Hilfe, sondern auch das Gefühl, gesehen zu werden – dass jemand da ist und sagt: Du bist nicht allein. Gerade Menschen, die sich schämen, Hilfe zu suchen, erzählen uns später, wie sehr sie diese Wertschätzung berührt hat. Dieser menschliche Aspekt ist etwas, das man nicht in Euros messen kann, aber er verändert viel. Weil die Teuerung und Energiekosten nicht zu trennen sind, unterstützt die Aktion mittlerweile auch bei Lebensmittelkosten. Denn viele stehen am Monatsende vor der Frage: Soll ich heizen oder soll ich essen? Deshalb braucht die Caritas die Möglichkeit, im individuellen Fall zu entscheiden, was gerade dringender ist.

Was hat sich in unserer Gesellschaft Ihrer Meinung nach sozial in den letzten Jahren verändert?
Wir erleben viel Verunsicherung, aber zugleich viel Zusammenhalt. Unsere Gesellschaft ist nicht so gespalten, wie es oft dargestellt wird. Denn beim Helfen zählt kein Parteibuch, keine Ideologie – da geht es einfach ums Menschsein. Oft sind es gerade Menschen mit kleinen Einkommen, die besonders bereit sind zu geben.

Caritas

Was wünschen Sie sich für die Zukunft von „Ein Funken Wärme“?
Ich wünsche mir, dass es solche Aktionen irgendwann nicht mehr braucht. Bis dahin wünsche ich mir, dass wir das Miteinander spüren, die Solidarität und das Gefühl: Wir sind füreinander da. Nächstes Jahr feiern wir 20 Jahre „Ein Funken Wärme“. Vieles ist gelungen – dank treuer Spenderinnen und Spender und dank Unternehmen, die trotz schwieriger Zeiten bereit sind, Verantwortung zu übernehmen.

Befinden Sie sich in einer finanziellen Notlage und können Ihre Energierechnung nicht bezahlen? Hier erhalten Sie Unterstützung über die Caritas.

Porträt von Sandra Wobrazek
Sandra Wobrazek
Loading...
00:00 / 00:00
Abspielen
Schließen
Aufklappen
kein Artikelbild
Loading...
Vorige 10 Sekunden
Zum Vorigen Wechseln
Abspielen
Zum Nächsten Wechseln
Nächste 10 Sekunden
00:00
00:00
1.0x Geschwindigkeit
Loading

Willkommen in unserer Community! Eingehende Beiträge werden geprüft und anschließend veröffentlicht. Bitte achten Sie auf Einhaltung unserer Netiquette und AGB. Für ausführliche Diskussionen steht Ihnen ebenso das krone.at-Forum zur Verfügung. Hier können Sie das Community-Team via unserer Melde- und Abhilfestelle kontaktieren.

Kostenlose Spiele
Vorteilswelt