Ein Jahr lang hat der österreichische Autor und Dramatiker Thomas Köck Buch geführt über die politischen Eskalationen in Österreich: Die Schauspielhäuser in Graz und Wien bringen den brisanten Text nun in einer Kooperation mit dem steirischen herbst auf die Bühne. Uraufführung war am Sonntag in Graz.
„Die Gesellschaft zeigt schon wieder ihre grässliche Fratze, aber niemand sieht hin“, konstatiert Thomas Köck in seiner „Chronik der laufenden Entgleisungen“. Also legt er in seinem Text alle Karten auf den Tisch: Ein Jahr lang hat er die politischen Skandale und Verfehlungen in Österreich minutiös dokumentiert: Vom Dilemma bei der SPÖ-Auszählung über die Signa-Pleite und Nehammers Burger-Sager bis hin zu den unzähligen rechten „Ausrutschern“ im Lager der FPÖ. „An der Sprache wird sich alles entzünden“, schreibt Köck und startet ein verbales Anti-Feuerwerk, das nun als Kooperation zwischen den Schauspielhäusern Graz und Wien und dem steirischen herbst auf die Bühne kommt.
Die vielen Gesichter des Frusts und der Ratlosigkeit
Marie Bues hat den pointierten und schmerzhaften Text, der irgendwo zwischen soziologischer Analyse à la Didier Eribon und literarischer Zerpflückung à la Elfriede Jelinek anzusiedeln ist (und ja, er kann mit den Referenzwerten durchaus Schritt halten) für die Bühne bearbeitet. Sie teilt den Text auf sechs Darsteller (großartig: Tala Al-Deen, Otiti Engelhardt, Kaspar Locher, Sophia Löffler, Karola Niederhuber und Mervan Ürkmez) auf und verleiht dem Frust und der Ratlosigkeit des Textes damit viele Gesichter und Facetten (Kostüme: Amit Epstein).
Das Winden unter der Belastung des Österreichischen, das mit schmerzlichem Genuss durchdekliniert wird, zeigt sich auch in den Verrenkungen (Choreografie: Mason Manning) der Darsteller. Die Bühne (Heike Monschein) gemahnt an Österreich: Sie ist nur noch ein Gerüst, das die Darsteller bespielen. Und Lila-Zoe Krauß liefert als Bühnenmusikerin die schrill-bedrohliche Klangkulisse, die wir unter anderen Vorzeichen vor 100 Jahren schon einmal gehört haben.
Am Ende stehen die Darsteller an der Kante und stellen dem Publikum eine Frage: „Will sonst noch jemand etwas sagen?“ Sie bleibt rhetorisch – zumindest bei der Premiere. Denn wenn das Stück am 4. 10. das nächste Mal im Grazer Schauspielhaus zu sehen ist, könnte die österreichische Welt schon ganz anders aussehen. Aber nach diesem Abend kann zumindest niemand mehr behaupten, er hätte nichts gewusst. Denn alle Karten liegen auf dem Tisch – eigentlich schon viel zu lange!
Zu sehen im Schauspielhaus Graz (bis 17. Dezember)
und ab 26. September auch im Schauspielhaus Wien (bis 16. November)
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