01.11.2021 06:00 |

Über Trauerarbeit

„Mit Tod endet Sterben, aber nicht das Leben“

Intensiv- und Palliativmediziner Rudolf Likar begleitete zahlreiche Patienten in ihren letzten Tagen. Mit seinem neuen Buch will der Kärntner dem Thema die Angst nehmen.

Hallen voller Särge – Bilder aus Italien, die uns das Ausmaß der Corona-Pandemie im März 2020 vor Augen führten. Obwohl der Tod so nah war, ist er physisch ausgeblendet worden. Besuche im Spital oder Altenheimen waren verboten, Angehörige konnten sich von ihren Liebsten nicht verabschieden. Eine Erfahrung, die man nicht mehr nachholen kann. Rudolf Likar will gemeinsam mit vier Kollegen das Thema Lebensende enttabuisieren. Im Buch „Es lebe der Tod“ (25 Euro, Ueberreuter) berichten sie aus ihrem Medizineralltag und wie wichtig die letzten Stunden für den Sterbenden und die Hinterbliebenen sind.

Seit der Pandemie sind die Todesfälle auf der Intensivstation im Klinikum Klagenfurt gestiegen. „Für 30 Prozent der Infizierten gibt es keine Hilfe. Vor der Pandemie lag die Sterberate bei 16 Prozent“, erklärt Likar, Stationsleiter. „Im ersten Lockdown habe ich bei einem Patienten eine Verabschiedung aufgrund der Maßnahmen nicht zugelassen. Ich habe mir geschworen, dass mir das nicht mehr passiert. Kein Angehöriger hat sich seither bei einem verstorbenen Corona-Patienten angesteckt.“

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Bewusst leben können wir nur, wenn wir wissen, dass das Leben ein Ende hat.

Rudolf Likar

„Auch Verstorbene haben eine Wertigkeit"
Wenn Menschen für immer die Augen schließen, fragen sich viele Angehörige, warum. „Darauf wird es nie eine Antwort geben. Man soll die Rückwärtssuche zugunsten der Vorwärtssuche aufgeben. Mit dem Tod endet das Sterben, aber nicht das Leben – sofern man daran glaubt, dass es auch ein Danach gibt.“ Zu Allerheiligen haben Familien die Gelegenheit, gemeinsam über die Menschen zu sprechen, die nicht mehr am Leben sind. „In einer herzlichen Gesellschaft haben auch Verstorbene eine Wertigkeit“, so der Mediziner.

Vor den letzten Atemzügen empfiehlt der Kärntner den Angehörigen, mit dem Sterbenden zu reden, von alten Erlebnissen zu erzählen und Sachen auszusprechen, die einem am Herzen liegen. Manchen Patienten reicht auch ein einfaches Händehalten. Aus seiner jahrzehntelangen Erfahrung als Palliativmediziner weiß der Kärntner, dass Leute, die ihrem Leben einen Sinn geben und alle Konflikte bereinigt haben, leichter sterben. „Bewusst leben können wir nur, wenn wir wissen, dass das Leben ein Ende hat.“

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Es gibt kein größeres Wunder als die menschliche Kraft.

Rudolf Likar

Die innere Kraft von Menschen fasziniert den Mediziner immer wieder. Auf der Palliativstation können Angehörige die Sterbenden rund um die Uhr besuchen. Auch Haustiere sind erlaubt. „Unsere Patienten schöpfen daraus Energie. Es gibt kein größeres Wunder als die menschliche Kraft.“

Mit Palliativmedizin letzten Tage gestalten
Es gibt viele Möglichkeiten, das Lebensende eines Menschen zu begleiten (siehe Video oben). Zahlreiche Menschen haben Angst vor einer Übertherapie - vereinfacht ausgedrückt, vor medizinischen Maßnahmen, die nicht mehr die Lebensqualität der Patienten steigern. Palliativmediziner können Schwerkranke am Lebensende unterstützen und ihnen viele Sorgen nehmen: Kein Mensch muss unter Schmerzen sterben. Zusätzlich zu den Stationen in Krankenhäusern kümmern sich 60 mobile Teams in Österreich darum, dass Patienten - sofern es möglich ist - zu Hause sterben. Dies ist nämlich der Wunsch von 95 Prozent der Menschen (siehe Video oben). Statistisch gesehen, machen zum Beispiel in Wien sechs von zehn Menschen ihren letzten Atemzug in einem Krankenhaus. Ein weiterer positiver Aspekt von Palliativmedizin: Die Angehörigen erhalten auch Betreuung.

Kathi Pirker, Kronen Zeitung

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