05.12.2020 22:10 |

Das große Interview

Haben Sie das verdient, Herr Bachler?

400.000 Euro! Diese unglaubliche Summe spendeten Tausende Menschen, um Christian Bachlers Hof vor der Zwangsversteigerung zu retten. Conny Bischofberger besuchte den Biobauern auf seiner Alm im steirischen Murtal, auf 1450 Meter Seehöhe, und sprach mit ihm über Mut und Verzweiflung, Gönner und Neider, und das Gefühl, plötzlich schuldenfrei zu sein.

Vor dem höchstgelegenen Bauernhof der Steiermark in Krakauhintermühlen schnattern Gänse, ein schwarzes Alpenschweindl frisst den Perlhühnern das Futter weg, Yak-Rinder, Truthähne und Ziegen leben friedlich nebeneinander. Im Stall steht auch noch ein Scheidungspferd namens „Isa-Bou“. Hund „Nessie“ bellt schließlich das Herrchen herbei.

Christian Bachler trägt Stallgewand, Gummistiefel und eine gestrickte Haube aus wasserdichter Schafwolle. „Die Sunn verschliaft scho“, sagt er und blickt in den rosa Abendhimmel. Dann bittet er uns in die Küche, serviert Kletzenbrot von der Mama und gießt heißen Kaffee in Rosentassen. Auf der Bank schnurrt auch noch eine Katze.

„Krone“: Wie fühlt sich das an, wenn einem wildfremden Menschen 400.000 Euro überweisen?
Christian Bachler: Ich kann es noch gar nicht glauben… Ich muss es erst realisieren… Es war ja auch nicht der Plan. Ich dachte, und das war schon sehr optimistisch, dass vielleicht bis Weihnachten 30.000 Euro zusammenkommen. Dann waren auf einmal 160.000 Euro da - das war die Summe, die mir meine Bank fällig gestellt hat. Der Rest wäre überschaubar gewesen, das hätte der Betrieb ertragen. Aber dann ging es weiter. Jetzt sind über 400.000 Euro zusammengekommen.

Haben Sie das verdient?
Das ist eine gute Frage. Aus der Sicht jener, die es mir gegeben haben, habe ich es wohl verdient, sonst wäre es nicht gekommen.

Haben Sie der Bank die Schulden schon bezahlt?
Das passiert am Montag. Dann ist dieser Hof abbezahlt, der ganze Druck weg. Ich hoffe noch immer, dass ich nicht aufwache und es war nur ein Traum.

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Am Montag ist der Hof abbezahlt, der ganze Druck weg. Ich hoffe noch immer, dass ich nicht aufwache, und es war nur ein Traum.

Christian Bachler

Wie ist es überhaupt zu den hohen Schulden gekommen?
Als ich 2003 die Landwirtschaft von den Eltern übernommen habe, musste ich ziemlich viel investieren, um halbwegs auf dem Stand der Technik zu sein. Dazu kam, dass ich von meiner Arbeit nicht mehr leben konnte. Es gab Zeiten, wo wir für einen Liter Milch 23 Cent bekommen haben. Mit den Fördermitteln haben wir also Schulden zurückbezahlt. Wenn sich die Förderprogramme ändern, dann kriegst du weniger oder gar kein Geld und musst zwischenfinanzieren. Die Spirale dreht sich nach unten. Irgendwann kapierst du, dass du jetzt in fremden Händen bist. Du wirst erpressbar, stehst mit dem Rücken zur Wand, bist komplett ausgeliefert. Ich wollte schon den Hut draufhauen und irgendwo neu anfangen.

Dann haben Sie sich an die Öffentlichkeit gewandt. Wie schwer ist Ihnen das gefallen?
Es war eine harte Entscheidung. Härter als die Entscheidung, vielleicht ganz aufzuhören. Wer stellt sich schon gerne hin und sagt, dass er Hilfe braucht? Das ist ein kompletter Striptease.

Wo Geld ist, da ist immer auch Neid. Haben Sie viele Neider?
Ja, aber ich will keine Energie mehr in diese Menschen investieren. Ich will auch nicht sagen, was alles passiert ist. Das Gute ist: Ich habe in all den Jahren, in denen ich schon gegen den Strom schwimme, eine dicke Haut bekommen.

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Irgendwann hatte ich das Gefühl, ich stehe in der Früh nur noch für die Bank auf. Die Schulden haben mir die Luft zum Atmen genommen.

Christian Bachler

Fühlen Sie sich den Spendern gegenüber verantwortlich?
Ja, sicher. Ich bin unendlich dankbar. Das Geld ist für mich aber auch ein Auftrag. Nämlich all jene zu unterstützen, die von der Milchwirtschaft auch nicht mehr leben können. Ihnen das Gefühl zu geben, dass es eine Alternative gibt. Wir haben auf meinem Hof mittlerweile alles umgestellt, wir schlachten selber, verkaufen selber, vermarkten alles direkt, vom Fleisch bis zur Salami. Und verwerten auch das ganze Tier, bis hin zum Fell. Die Idee ist, mit möglichst wenig Tieren eine möglichst hohe Wertschöpfung zu erzielen.

Sie haben immer wieder für eine autonome und ökologische Landwirtschaft gekämpft. Woher haben Sie den Mut genommen?
Aus der puren Verzweiflung. Ich konnte einfach nicht mehr die Pappn halten, es hätte mich sonst zerrissen. Mich hat es einfach angezipft, dass wir so erpressbar sind. Von der Landwirtschaftskammer, vom Raiffeisenverband, von der Bank. Viele Kollegen haben mir geschrieben, dass sie sich nicht trauen aufzumucken, weil sie Kinder haben. Keiner traut sich mehr den Mund aufzumachen, weil sonst gleich eine AMA-Kontrolle kommt. Ich hab‘ keine Kinder, brauche keine Rücksicht zu nehmen. Also hab‘ ich mich dem übermächtigen Gegner gestellt.

Wer ist der Gegner?
Das System. Es fördert die Großen, die Massentierhaltung, sie bekommen viel mehr Geld. Aber die Kleinen haben mehr Arbeit und müssen trotzdem investieren.

Würden Sie gerne mit der Landwirtschaftsministerin darüber sprechen?
Warum nicht? Ich rede mit allen anderen auch.

Apropos AMA: Was denken Sie sich, wenn Sie die Gütesiegel-Werbespots sehen?
Ja, die sind eh lieb. Aber es hat halt mit der Realität absolut nichts zu tun. Die Schweinchen können nicht sprechen. Wenn bei einem Wurf ein Ferkel dabei ist, das hustet, dann wird es in der echten Landwirtschaft sofort erschlagen.

Und bei Ihnen?
Ich lasse es bei den Geschwistern, denn manches Mal packen sie es, und wenn nicht, dann kann es wenigstens bei der Mutter sterben.

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Es gab Zeiten, in denen wir für einen Liter Milch 23 Cent bekommen haben. Vor meiner Arbeit konnte ich nicht mehr leben.

Christian Bachler

Passt „Wutbauer“ eigentlich zu Ihnen?
Ich finde überhaupt nicht. Ich habe viel mehr Mut als Wut gebraucht.

Was war der dunkelste Moment?
Irgendwann hatte ich das Gefühl, ich stehe in der Früh nur noch für die Bank auf. Die Schulden haben mir die Luft zum Atmen genommen. Wenn ich bei meinen Tieren war, hatte ich Tränen in den Augen. Ich dachte mir nicht nur einmal, es wäre eigentlich so einfach. - Hält sich den Zeigefinger an die Schläfe.

Was ist passiert, dass Sie es doch nicht getan haben?
Ich hatte das Glück, dass in den brenzligsten Situationen immer Schutzengel aufgetaucht sind, die mich in die richtige Richtung geleitet haben. Diesen Menschen war das zum Großteil gar nicht bewusst. Und ich dachte auch oft an die Generationen vor mir, die gekämpft haben, die Krieg und Elend überstanden haben, und trotzdem ist es immer weitergegangen. Also werde ich mich doch nicht von einer Bank in die Knie zwingen lassen.

Wäre Ihr verstorbener Vater stolz auf Sie?
Da oben ist er. - Zeigt auf ein Foto im Herrgottswinkel. - Von ihm stammt der Satz: „Was gesagt werden muss, gehört gesagt.“ So gesehen wäre er glaube ich mit mir ganz zufrieden.

Geldregen für Wutbauer

Geboren am 14.10.1982 als Sohn der Bauern Fritz und Maria Bachler. Der Vater starb 2003, sein Bruder Thomas ist Forstunternehmer. Nach dem Grundwehrdienst und der Meisterausbildung als Land- und Forstwirt steigt Christian Bachler in den elterlichen Betrieb ein. Als „Wutbauer“ kämpft er für eine autonome und ökologische Landwirtschaft. 2020 droht ihm wegen hoher Schulden die Zwangsversteigerung, er wendet sich in einem Spendenaufruf auf seiner Homepage www.bergerhof-krakauebene.at an die Öffentlichkeit - und wird mit einer Welle der Unterstützung belohnt.

Conny Bischofberger, Kronen Zeitung

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