Do, 23. Mai 2019
21.04.2019 09:00

Bischof zu Ostern

„Die Auferstehung beginnt in dunkler Finsternis“

Der steirische Bischof Wilhelm Krautwaschl im „Krone“-Interview zu Ostern: Er findet offene Worte zum Brand der Kathedrale Notre Dame, zur Islamisierung, zu den harten Tönen zwischen Kirche und Bundesregierung und zum Missbrauch in der Kirche. Und: Ein Ende der priesterlichen Ehelosigkeit würde vieles entkrampfen.

„Kronen Zeitung“: Das letzte Mal haben wir uns auf dem Fußballplatz getroffen, beim Cup-Spiel GAK gegen Salzburg. Sie haben versprochen, für die Grazer zu beten - der GAK hat dann aber 0:6 verloren. Was ist da beim Beten schiefgelaufen?
Wilhelm Krautwaschl: Der liebe Gott ist keine Maschine, in die man Münzen hineinwirft und dann herausbekommt, was man sich wünscht. Dennoch hat der GAK auch nach dem 0:5 gezeigt, wie viel Kraft und Leidenschaft in ihm steckt. Das hat mir imponiert.

Zu einem ernsteren, aktuellen Thema: Das Inferno von Notre Dame just in der Karwoche erinnert an Ostern. Erst das Entsetzen, die Trauer, dann die Hoffnung auf die Auferstehung. Sehen Sie diese Analogie auch?
Ja. Das Titelbild der „Kronen Zeitung“ am Mittwoch dieser Woche mit dem leuchtenden Kreuz inmitten der Zerstörung von Notre Dame ist ein typisches Oster-Symbol. Das erinnert mich stark an den Karfreitag, wo Menschen zum Kreuz hochschauen, aber nicht das Kreuz anbeten, sondern den Menschen, der darauf gestorben ist. Und es erinnert mich an das Begräbnis meines Vaters mitten im Dezember: Als wir nach dem Gottesdienst ins Freie traten, ringsherum nur Dunkelheit. In der Finsternis, in der Dunkelheit eines Grabes beginnt die Auferstehung.

Wie sehr schmerzt Sie die teilweise Zerstörung von Notre Dame, der Verlust dieses wertvollen Kulturguts?
Für mich ist es einfach traurig! Zugleich entdecke ich, wie viele Menschen auf der ganzen Welt sich um diese Kirche Sorgen machen. Faszinierend ist für mich, dass Notre Dame für die Menschen mehr ist als ein 800 Jahre altes Bauwerk, dass sie diese Zerstörung tief im Herzen berührt.

Können Sie der Tragödie auch etwas Positives im Hinblick auf den Wert des Glaubens und die Bedeutung der Kirche abgewinnen?
Auf alle Fälle! Wenn man sieht, dass vor der brennenden Kathedrale gebetet und gesungen wird, und das in einem laizistischen Staat, dann bewegt mich das wirklich zutiefst.

In Paris sind vor Notre Dame Angehörige verschiedener Glaubensrichtungen niedergekniet. Ein schönes Zeichen angesichts der zunehmenden Islamisierung. Reichen solche Zeichen?
Ich kann Kardinal Schönborns Worte, dass die Muslime in Sachen Religionsfreiheit nicht dieselben Fehler machen sollten wie einst die katholische Kirche, nur unterstreichen. Der Papst war in Marokko, in Saudi-Arabien, was vor wenigen Jahren noch unvorstellbar war. Er ist auch hier nicht müde geworden zu betonen, dass man nicht gegen Menschen sein kann, wenn das Ziel der Religionen die Erfüllung des Menschen ist. Wir hier in der Steiermark sind in einem guten Dialog mit den Muslimen. Aber in einigen Gegenden der Welt - und nicht nur in islamischen - gibt es Probleme. Da müssen wir den Dialog wirklich leben.

Ein anderer Glaube kommt auch durch Flüchtlinge in unser Land. Die Regierung beschreitet, was das humanitäre Bleiberecht betrifft, neue und härtere Pfade. Wie sehen Sie diese Entwicklung?
Mit Sorge! Denn es gibt den rechtlichen Anspruch auf humanitäres Bleiberecht und das heißt für mich, dass man das ernst nehmen soll. Ich kann nicht verstehen, warum unser Staat geltendes Recht nicht zur Anwendung bringen will.

Diese härtere Linie der Regierung betrifft auch das Sparen bei Ärmeren. Welche Motivation sehen Sie dahinter?
Ich sag’s mal so: runter vom Gas! Bei allem Verständnis für Leistungsorientierung - auch hier ist Dialog wichtig. Es kann und darf nicht sein, dass es die Schwächsten, etwa alleinerziehende Mütter, trifft.

In letzter Zeit verschärft sich der Ton zwischen katholischer Kirche und Bundesregierung. Teilen Sie die Kritik des Kardinals, der Menschlichkeit im Regierungsprogramm vermisst?
Ich sehe das sehr differenziert. So haben die Bischöfe unlängst die Bundesregierung sehr für ihre Haltung zum Ethik- und Religionsunterricht gelobt. Dort, wo es um Menschen geht, rufen wir als Kirche genau das in Erinnerung: Dass es um den Menschen und um dessen Würde geht. Wenn es gegen die Menschwürde ging, haben wir auch andere Regierungen kritisiert. Das wird jetzt nur stärker wahrgenommen, weil es eine Partei in der Regierung gibt, die sich christlich-sozial nennt.

Wie sehen Sie die Posse rund um den arbeitsfreien Karfreitag?
Das ist eine gesamtösterreichische Debatte, die überall unterschiedlich geregelt ist. Der Karfreitag ist aber vor allem ein Thema, bei dem man grundsätzlich auch darüber diskutieren muss, was eine Gesellschaft zusammenhält. Da geht es nicht nur um den Aspekt „freier Tag“. Die Dienstnehmer der Diözese hatten am Freitag übrigens frei.

Die Evangelischen wollen den Verfassungsgerichtshof anrufen, weil man ihnen ihren höchsten Feiertag genommen hat. Verstehen Sie den Ärger?
Für mich ist das Ganze eine „hatscherte“ Regelung. Ich nehme diese Regelung zwar zur Kenntnis, aber wir müssen Grundsätzliches diskutieren: Zum Beispiel darüber, dass sich immer weniger Menschen zum Christentum bekennen. Darauf muss der Staat halt auch reagieren.

Woran liegt es, dass sich immer weniger Menschen zum Christentum bekennen?
Zum einen ist es die Entwicklung der Naturwissenschaften. Zum anderen sind es die Verkündigungen der Kirche, die von vielen Menschen als Verbote wahrgenommenen werden - also dieses „Du darfst nicht“, „Du darfst nicht“, „Du darfst nicht“. Dazu kommt eine generelle Infragestellung von Institutionen. Das Phänomen Atheismus und Agnostizismus ist in der westlichen Kultur häufig zu finden. Darüber vergisst man aber oft den Sinn des Lebens und die Liebe. Das sind doch Dinge, die sich jeder wissenschaftlichen Ebene entziehen.

Einerseits häufen sich Meldungen über steigende Kirchenaustritte und einen generationenübergreifenden Abfall vom Glauben. Andererseits sind die Kirchen am Palmsonntag und bei der Fleischweihe bis auf den letzten Platz besetzt. Wie geht das zusammen?
Ich stelle mal die Frage, ob der Glaube der Menschen am Gottesdienstbesuch zu messen ist. Faszinierend an der Segnung der Osterspeisen ist etwa, dass ein neues Bewusstsein für den Wert von Nahrung - vom täglichen Brot - geschaffen wird. Das Nahrungsmittel, das im Kreise der Familie zu sich genommen wird, wird wieder zu etwas Besonderem.

Themenwechsel: Es wird immer wieder über den Zölibat diskutiert. Kardinal Schönborn schließt nicht aus, dass Priester in Zukunft heiraten dürfen. Wie ist Ihre Position dazu?
Der Zölibat ist sicherlich kein Dogma - wir diskutieren in der österreichischen Bischofskonferenz intensiv darüber. Es gibt verschiedenste Möglichkeiten, etwa dass „bewährte Männer aus dem Leben“ zum Priesteramt geweiht werden können. Es stimmt: Ein Ende des Zölibats würde vieles entkrampfen.

In Kärnten kommt die Kirche nicht und nicht zur Ruhe. Wie sehr betrübt Sie die Krise in der Nachbar-Diözese?
Paulus sagt: „Wenn ein Glied leidet, leiden alle anderen mit.“ Das empfinde ich genauso: Diese Vorkommnisse tun mir wirklich sehr weh!

Für Unruhe sorgen auch nach wie vor Meldungen über sexuellen Missbrauch innerhalb der Kirche. Man hat den Eindruck, dass es in der Kirche nach wie vor zu wenig Motivation zur Aufklärung von Missbrauchsfällen und zu wenige Präventivmaßnahmen gibt. Stimmt dieser Eindruck?
Nein, wir sind die einzige Institution Österreichs, die von jedem Haupt- und Ehrenamtlichen einen Präventionskurs verlangt. Das ist bei uns mittlerweile Standard, da sind wir auf einem guten Weg. Aber es stimmt, dass noch viel getan werden muss. Wir mühen uns sehr.

Welche Botschaft haben Sie zum Ostersonntag für all jene Menschen in der Steiermark, die keinen Grund haben zu feiern, sondern ein Leid ertragen müssen?
Schaut auf das Kreuz. Jesus neigt sich uns zu.

Oliver Pokorny und Gerald Schwaiger, Kronen Zeitung

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