08.03.2019 07:00 |

Neues Album

Amanda Palmer: Ewiger Kampf für Selbstbestimmung

Nur wenige Künstlerinnen haben ein derart bewegtes Leben hinter sich wie Amanda Palmer. Die 42-jährige Vollblutkünstlerin zeigt sich auf ihrem dritten Soloalbum „There Will Be No Intermission“ unglaublich persönlich, offen und intensiv. Wie gewohnt nimmt sie sich kein Blatt vor den Mund, um auch in harten Zeiten wie diesen für eine bessere und fairere Welt zu kämpfen. Das vielleicht eindringlichste Statement zum Weltfrauentag.

Ein durchschnittlicher Mensch kann sich eigentlich kaum vorstellen, was in den letzten sieben Jahren von Amanda Palmer alles vorging. Sieben Jahre deshalb, weil es genau die Zeitspanne zwischen ihrem letzten Studioalbum „Theatre Is Evil“ und dem brandneuen „There Will Be No Intermission“ ist. Sie versöhnte sich mit ihrem Vater Jack Palmer und arbeitete mit ihm an einem Album, beerdigte ihren besten Freund, erlitt eine Fehlgeburt, wurde Mutter ihres Sohnes Anthony, arbeitete mit ihrem Idol Edward Ka-Spel und ging unter die Buchautoren. Dazwischen schrieb sie auch immer wieder neue Songs, veröffentlichte diese auf der Crowdfunding-Plattform Patreon und war öfters auf Tour. Etwa im Oktober 2016, als sie das Wiener WUK so schnell füllte, dass sie spontan eine 16-Uhr-Show als Zweitkonzert am Nachmittag eingeschoben hatte. „So etwas habe ich noch nie davor probiert, dachte mir dann aber, warum eigentlich nicht“, erzählt sie der „Krone“ im Interview, „bevor ich in eine andere Location mit einer anderen Crew muss und unnötig Zeit verliere, versuche ich lieber etwas Neues.“

Stimme der Entrechteten
Unangepasstheit und Eigensinn sind die wichtigsten Schlagworte, wenn man das Phänomen Amanda Palmer erfassen und begreifen will. Für die 42-Jährige gab es zeit ihres Lebens immer nur Vollgas und Stringenz bei der Vermittlung eigener Ansichten und Meinungen. Keine halben Sachen, keine Kompromisse - weder künstlerisch, noch privat. Das beweist sie auch auf ihrem neuen Album eindrucksvoll, das schon rein optisch nicht durch jede Zensurschleife gehen wird. Einmal mehr präsentiert sich Palmer darauf nackt, wie Gott sie schuf. Sie, die seit jeher für Gleichberechtigung, natürliche Schambehaarung, das Abtreibungsrecht und körperliche Natürlichkeit steht, will damit in erster Linie nicht provozieren, sondern einfach nur präsent sein. Der menschliche Körper als das Natürlichste auf der Welt. Eine so simple, wie verständnisvolle Logik, die in Zeiten falscher Prüderie allzu oft als abstrakt oder gar pervers empfunden wird. Palmer ist in ihren Songs die Fürsprecherin des nur vermeintlich Obskuren. Sie ist die Stimme all jener, die sich von der Gesellschaft missverstanden fühlen und nur schwer einen Platz in einer konsumorientierten, übersättigten Welt der Oberflächlichkeiten finden.

Palmer wählt stets den unangenehmen Weg. Jenen, voller Kurven und Hindernisse, bei denen man sich durch Dornenbüsche und Vorurteile kämpfen muss. So ist es auch alles andere als ein Zufall, dass ihr Werk ausgerechnet am Weltfrauentag erscheint. Obschon sie bislang immer sehr persönlich und direkt von ihren Erlebnissen und Erfahrungen erzählte, ist „There Will Be No Intermission“ noch einmal eine eigene Liga in punkto offenherzigen Seelenstriptease. Die teils überlangen Songs auf dem fast 80-minütigen Werk werden immer wieder von orchestrierten Zwischenparts durchbrochen, inhaltlich setzt sich die gebürtige New Yorkerin mit unterschiedlichsten Tücken und Problemen des Lebens auseinander. Abtreibung, Fehlgeburt, Trauer, Krebs und die dunklen Seiten des Elternseins durchziehen die einzelnen Songkapitel, ohne jemals zu klagend rüberzukommen. Ein Album war gar nicht geplant, denn viele der Songs wie etwa „Bigger On The Inside“, „A Mother’s Confession“ oder „Drowning In The Sun“ veröffentlichte sie schon über viele Jahre hinweg auf Patreon. Es waren die kleinen und großen Katastrophen des Lebens, die Palmer schlussendlich zu einem konzeptionellen Werk führten.

Veränderte Welt
„Musikmachen kann heilen. Das habe ich schon beim Album mit meinem Vater Jack gemerkt. Es ist wie ein Kleber zwischen kreativen Menschen, die sich auf einer ganz speziellen Ebene befinden. Man verbringt Qualitätszeit miteinander und kann über viele Probleme hinwegsehen. Mit den meisten Leuten, mit denen du arbeitest, verbringst du extrem viel Zeit deines Lebens - also solltest du sie auch weise wählen. Wer will schon nach 20 Jahren draufkommen, dass er die ganze Zeit mit einem Haufen Arschlöcher abgehangen hat?“ Nach so vielen Jahren im Geschäft weiß das einstige Aushängeschild der Dresden Dolls, ohnehin, was es will. Dennoch war die Produktion zum neuen Album eine mit Unsicherheiten behaftete, da sich die Welt in den letzten sieben Jahren auch fundamental veränderte. „Ich war noch nie nervös, ein Album zu veröffentlichen, aber dieses ist anders. Der Aufstieg des globalen Faschismus und die #meToo-Bewegung haben Frauen ein größeres Mitspracherecht verschafft und wir alle sehen, dass sich Radikalismus wie eine Infektion verbreitet. Mehr denn je fühle ich die Dringlichkeit, die nackte Wahrheit meiner Erfahrungen zu vermitteln.“ Wie bei Palmer üblich, kann man ihr Werk über die bloße Musik hinaus entdecken - etwa durch einen Kunstband mit narrativen Fotografien, der die Texte ergänzt.

Im Herbst kommt Palmer mit den neuen Songs und einem gewiss besonderen Programm für zwei Konzerte in ihre österreichischen Lieblingsstädte Wien und Graz. „Die Wiener und mich verbindet eine besondere Beziehung“, lacht sie, „vielleicht habe ich auch deshalb einen so guten Zugang zu dieser Stadt, weil ich eine Zeit lang in Deutschland gelebt habe und die Sprache etwas kenne. Außerdem habe ich einen Background in Klassischer Musik und mir ist im Gegensatz zu vielen Amerikanern sehr wohl bewusst, welche Wirkung Wien im Kunst- und Kulturbereich hat.“ An Österreich gefällt ihr aber auch die progressive und moderne Ausrichtung in Gender- und Feminismusfragen. „Ich merke speziell in Wien ganz klar, dass hier eine intelligente Schärfe, ein klares Bewusstsein zum Thema herrscht. Gebt das nicht auf, sondern kämpft weiter!“

Live in Wien und Graz
Am 14. September spielt Amanda Palmer im Konzerthaus Wien, am 15. September im Grazer Stefaniensaal. Karten und weitere Infos erhalten Sie unter www.oeticket.com.

Robert Fröwein
Robert Fröwein
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