Gigantischer Tunnel

Besuch in der Unterwelt

Steiermark
05.09.2009 14:15
33 Kilometer lang wird er nach seiner Fertigstellung im Jahr 2018 sein – in Kärnten gibt es bereits 7,3 Kilometer vom Koralmtunnel. Die "Steirerkrone" waren am Ende des Erkundungs-Stollens. Ein Lokalaugenschein von Werner Kopacka.

Es begann mit einem gewaltigen Loch, das man von oben in den Berg gebohrt hat. Der bergmännisch Geschulte rümpft jetzt natürlich sofort die Nase und näselt: "Das ist kein Loch, das ist ein Schacht!" Natürlich – und wir stehen ganz unten und das Wasser, das der Berg ständig ausschwitzt nieselt auf unsere Köpfe.

Schacht 2004 fertiggestellt
Über uns sind 120 Meter Luft, der Schacht hat einen Durchmesser von neun Metern. Er ist gleichsam der "Urvater" der beiden mächtigen Stollen, die hier herunten aus dem Gestein gehauen werden. Der Schacht wurde 2004 fertiggestellt. Durch ihn gelangte anfangs alles per Lift nach unten, was für den Tunnelbau nötig ist. Männer und Material. Jetzt pumpt man durch ihn nur noch den Spritzbeton in die Tiefe.

250 Züge sollen täglich durch den Berg donnern
Mit einer Gesamtlänge von 33 Kilometern wird der zweiröhrige Koralmtunnel einer der längsten der Welt sein. In neun Jahren, sollen täglich etwa 250 Züge durch den Berg donnern. Dann dauert die Bahnfahrt von Graz nach Klagenfurt nur eine, statt wie bisher drei Stunden. Und den venezianischen Gondoliere kann man bereits drei Stunden nach dem Einsteigen auf dem Grazer Hauptbahnhof sein "O sole mio" schmettern hören.

Noch wird aber hart am Stollen gearbeitet. Andreas Kiesling, ein Grazer, der das Tunnel-Projekt koordiniert, hat uns in seine Arbeitswelt mitgenommen. Und zwar dorthin, wo man die Gigantonomie des Jahrhundertbauwerks am intensivsten erleben kann. Auf der Kärntner Seite. Hier hat man sich bereits 7.300 Meter in Richtung Steiermark vorgearbeitet. Drüben sind's erst 1.700 Meter. Weil's an diesem Ende geologisch schwieriger ist hat man hier früher begonnen. 

9,2 Millionen Kubikmeter Fels werden beseitigt
Am Ende wird der Durchstich nach 20 steirischen und 13 kärntnerischen Tunnelkilometern erfolgen. Aber bis dahin wird man noch viel Gestein aus der Koralm karren. "Insgesamt werden's für beide Tunnelröhren, die Schächte und die Querschläge, etwa 9,2 Millionen Kubikmeter sein," rechnet Andreas Kiesling hoch. Unter Querschlägen versteht man Verbindungsschächte zwischen den Röhren. Solche wird's alle 500 Meter geben.

Wir haben's ausgerechnet: Das Material, das aus dem Berg kommt, würde – auf einem Fußballfeld aufgeschüttet – einen Turm von einem Kilometer Höhe ergeben. Anderes Beispiel: Belädt man jeden Lastwagen mit zehn Kubikmetern Geröll, dann würde das eine Lkw-Kette ergeben, die von Graz bis Tokio reicht – Luftlinie, versteht sich. So viel zur Koralm-Gigantonomie.

Zwei Milliarden Euro soll der Stollen kosten
Dagegen nehmen sich die zwei Milliarden Euro, die der Stollen am Ende kosten soll, fast bescheiden aus. Es soll Banker geben, die ähnliche Beträge verzockt haben. Etwa 3.000 Euro netto verdienen jene Männer monatlich, die jetzt, behelmt und schlammverkrustet, neben uns stehen. Wir sind am Vortrieb angelangt. Dem Ende des bestehenden und dem Beginn des zukünftigen Stollens. 7.300 Meter vom Eingang entfernt. Die Mineure nennen diesen Platz "Ortsbrust". Es ist überhaupt eine eigene Sprache, die man hier herunten spricht. Der oberste Stollenteil heißt First, darunter befindet sich der Kämpfer, dann folgt der Ulm und unten liegt die Sohle. 

"Bei den Vorausbohrungen haben wir festgestellt, dass uns nach 188 Metern ein Wassereinbruch bevorstehen könnte," sagt Stefan Ebner. 33 Jahre lang war er aktiv im Stollenbau tätig, jetzt ist er 69 und Pensionist. "Ich kann's aber nicht lassen – es ist halt noch immer meine Welt," schmunzelt er. "Der Bauwart ist grad auf Urlaub, da bin ich gern für ihn eingesprungen." Seit vier Tagen hat der Berg wegen der drohenden Wassermassen jetzt seine Ruhe. Vortriebs-Stopp! "Da ist höchste Vorsicht geboten", sagt Andreas Kiesling, der Chef. "Ein Wassereinbruch ist, wie ein Felssturz, der absolute Horror unter Tag."

Bevor's weitergeht untersucht man jetzt die zu erwartenden Wassermengen und bereitet ihren Abtransport vor. In vier mächtigen Röhren fließt jetzt schon viel Grubenwasser ständig nach draußen. Dort landet es in einem eigens gebauten Betonbecken, wird gereinigt und der Natur zurückgegeben.

Bisher zum Glück nur ein Verletzter
Die Tunnelbauer-Legende – "pro Kilometer ein Toter" – sei, so sagen sie, zum Glück nur Legende. Die 7,3 Kilometer, durch die wir zum Vortrieb gefahren sind, haben keine blutige Geschichte. Nur einmal habe sich einer unter Tag bei der Arbeit verletzt. Es kann natürlich auch anders kommen. "Ich war beim Spitaler Tunnel am Semmering dabei", sagt Stefan Ebner, "da gab's gleich drei Tote innerhalb eines Jahres."

Zehn Tage ohne Sonnenlicht
Das Gefährliche am Job schweißt die Männer zusammen. "Jeder muss sich hier herunten bedingungslos auf jeden verlassen können," sagt Harald Dohr (47), der Gruben-Polier. Er arbeitet seit 22 Jahren im Tunnelbau und könnte sich nichts anderes mehr vorstellen. "Jedes Vortriebs-Team besteht aus sechs Mann, die zehn Tage lang täglich Acht-Stunden-Schichten schieben und dann vier freie Tage haben," sagt er. "Wer im Winter die Tagschicht hat, der sieht zehn Tage lang kein Sonnenlicht. Wenn er reinfährt ist's dunkel und wenn er rausfährt auch." Gearbeitet wird im Tunnel immer. Drei Schichten zu je acht Stunden. Tag und Nacht. Bis 2018.

Alle 500 Meter ein Notruf-Telefon
In jedem Team muss einer ein ausgebildeter Sanitäter, zwei müssen geschulte Feuerwehrleute sein. Unter Tag herrscht strengstes Alkoholverbot. Handys funktionieren in der Unterwelt natürlich nicht, deshalb gibt's alle 500 Meter ein Notruf-Telefon. Weitere Sicherheitsmaßnahmen: In 50-Meter-Abständen sind Feuerlöscher angebracht, alle 100 Meter gibt's Anschlüsse für Löschschläuche, dazu Kästen mit Fluchtgeräten – Masken, die vor Giftgasen schützen.

Neun Jahre noch, dann sind die harten Männer weg und der Bauch der Koralm gehört der Eisenbahn allein. Hoffentlich bleibt die Toten-Legende auch Legende. Glück auf, Burschen!

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