Das freie Wort

Das alte und das neue Weihnachten

Als Jugendlicher erlebte ich noch das alte Weihnachten. Es gab am Heiligen Abend sehr viel Schnee, und als Bergbauernkind erlebte ich den Heiligen Abend ganz anders als heute. Unsere Wünsche an das Christkind waren sehr bescheiden. Am Abend wurde der Weihrauchkessel aktiviert. Ein toller Geruch drang durch alle Räume. Der Vater ging mit mir in jeden Stall, denn die Tiere bekamen einen weihnachtlichen Segen. Ich musste den Weihrauchkessel tragen – durch alle Räume. Mein Vater hielt sehr viel auf Tradition. Am Heiligen Abend gab es immer seine gut gewürzten Selchwürsteln. Geschmacklich einmalig nach einem alten Rezept. Nach einer kleinen Bescherung gingen wir zur Mette. Es gab damals sehr viel Schnee, doch der Weg in die Kirche war eine schöne Pflicht. Das war Weihnachten mit einer unvergesslichen Atmosphäre. Das alte Weihnachten wurde ersetzt durch das neue Weihnachten. Viele Leute fahren ganz hektisch von Konsumtempel zu Konsumtempel. Die Kinder werden mit Geschenken überhäuft. Manche Kinder wissen gar nicht, mit welchem Spielzeug sie zuerst spielen sollen. Oma ist verwundert, weil das Kind nicht mit ihrem Geschenk spielt. Das ist das neue Weihnachten. Hoffentlich kommt das alte Weihnachten eines Tages wieder zurück.

Helmut Maria Horvath, Wien

Erschienen am Sa, 7.12.2019

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