Do, 16. August 2018

Premiere in Graz

16.11.2015 12:55

Die Landeier am "Opernball"

Was die Spießer vom Land in der leichtlebigen, erotisch aufgeladenen Atmosphäre der Großstadt erlebten: "Der Opernball" des in Graz geborenen Komponisten Richard Heuberger ist eine typische Operette. In der gescheiten, doppelbödigen Regie von Bernd Mottl in der Grazer Oper ist das etwas altvatrische Geschehen aufgepeppt. Mit Latex und Karl Marx.

Paul ist ein Landei, das auch mal etwas pariserische Verruchtheit erleben möchte. Georges, ein aalglatter Hedonist und Schürzenjäger, bringt seinen Bekannten aus der Provinz auf den Opernball. Ihre Gattinnen - naive Spießerin die eine, illusionslose Zynikerin von Welt die andere - wollen ihnen einen Strich durch die Rechnung machen. Soweit die genretypische Schlüpfrigkeit einer Handlung, die stark an die "Fledermaus" erinnert, ohne deren dramatische Finesse auch nur in Ansatz zu erreichen.

Bernd Mottl müht sich mit Hilfe einer neuen Textfassung (Peter Lund), dem etwas umständlichen Stück Schwung zu verleihen: In den langen Dialog-Passagen reflektieren die Figuren recht gescheit ihre Situation, am Ende glaubt man in einem Ehedrama Yasmina Rezas gelandet zu sein.

Nach und nach blättert der Lack ab, verflüchtigen sich die Illusionen: Am Beginn wird in Belle-Époque-Kostümen gespielt, doch schon das verflieste Opernfoyer im zweiten Akt irritiert. Die Ballgesellschaft tritt in Latex auf, wobei die befrackten Männer eher wie ein Rudel Ratten anmuten - gespenstisch. Und im Finale im Alltagskostüm auf der Rückseite der Kulissen ist es vorbei mit der Theater-Herrlichkeit. Die Masken des Anstands sind auf dem Ball gefallen, nun ist Schadensbegrenzung angesagt, um weiterleben zu können.

Die herausragende Sieglinde Feldhofer als Kammermädchen Hortense wird zum Angelpunkt des Geschehens: Eine Karl Marx lesende Domestikin, die aus der Geil- und Dummheit der Männer ihr Kapital schlägt. Die Gattinnen Margareta Klobučar und Nadja Mchantaf sind ihren männlichen Widerparts stimmlich überlegen. Ivan Orečanin und Martin Fournier überzeugen vor allem darstellerisch. Lotte Marquardt und Gerhard Ernst haben prägnante Auftritte als die Beaubuissons, Alexander Kaimbacher spielt ihren erst verklemmten Neffen facettenreich. Und János Mischuretz ist als Oberkellner ein pompöser Maître de Plaisir.

Marius Burkert am Pult der Grazer Philharmoniker schlägt einen leichten, beschwingten Ton an, der Heubergers zarte Melodien erblühen lässt. An Klangkultur und Präzision, an der Verve ließe sich noch arbeiten. Heuberger, der sich mit "Opernball" 1898 erstmals an der leichten Muse versuchte, hegte offenbar musikalisch die größten Sympathien mit der sittsamen Provinzlerin Angèle: Der gehört mit "am schönsten ist es zu Haus" das Schlusswort. Am Ende siegt die leicht spießige Moral der Provinz. Logisch, Heuberger war ja auch ein Steirerbua, und kein Jacques Offenbach.

"Der Opernball" von Richard Heuberger im Grazer Opernhaus. Weitere Aufführungen am 18. und 25. November, 5., 20. und 31. Dezember, 5., 11., 26. und 28. Februar sowie am 6. und 10. März. Informationen und Karten gibt es hier.

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