Schlachthof-Skandale

Nach „Krone“-Druck werden Kontrollen verschärft

Tierecke
07.03.2023 06:00

Die brutalen Bilder aus einem Schlachthof sorgten in der Vorwoche für einen Aufschrei. Doch auch auf Europas Straßen spielen sich täglich grausame Szenen ab. Die Kurzdokumentation „Tierleid auf Rädern“ von Thomas Waitz zeigt die grausame Realität des global Agrarsystems, und wie wichtig starke Tierschutzpolitik ist (siehe Video) ...

„Die Größe und den moralischen Fortschritt einer Nation kann man daran messen, wie sie ihre Tiere behandelt.“ Dieses Zitat von Friedensnobelpreisträger Mahatma Gandhi sollten wir alle verinnerlichen - Konsumenten, Bauern und die Verantwortlichen im Handel und in der Politik. Denn letztendlich ist es die Gesellschaft, die darüber bestimmt, wie streng Gesetze und Vorgaben zum Wohle der Tiere geschnürt werden.

Reihe von Skandalen
Österreich hat international gesehen durchaus hohe Tierschutzstandards. Dennoch tauchen immer wieder verstörende Bilder von misshandelten Nutztieren auf. Sei es auf Schlachthöfen, bei Tiertransporten oder auch direkt aus den Stallungen. Erst vor wenigen Monaten war es die „Krone“, die dazu beigetragen hat, dass ein Fall von extrem schlechter Tierhaltung in Niederösterreich von den Behörden sanktioniert wurde.

Traurig, aber wahr
Oft sind es Tierschutzorganisationen, die solchen Tierquälereien auf die Spur gehen und dafür sorgen, dass überhaupt darüber diskutiert wird. Eigentlich sollten diesen Part die Behörden und die zuständigen Ämter übernehmen. Stark in die Kritik geraten ist auch die AMA, die mit ihrem Gütesiegel für hohe österreichische Qualität bürgt. Doch in jüngster Zeit waren es oft Betriebe, die sich dieses Siegels rühmen und dennoch mit Verstößen gegen Tierwohl konfrontiert wurden.

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Alle 30 Minuten findet eine AMA-Gütesiegel-Kontrolle statt. Wir werden dies zusätzlich um weitere zehn Prozent erhöhen.

Christina Mutenthaler, Chefin des AMA-Gütesiegels

Gegenoffensive
Das Vertrauen der Österreicher in das Qualitätssiegel wackelt. Genau deshalb setzt Christina Mutenthaler, seit Jänner neue und hoch engagierte Chefin der AMA, auf sofortige Schritte: „Solche Missstände sind schockierend und untragbar. Praktiken, die mit der Achtung vor Tieren nicht vereinbar sind, sind inakzeptabel“, so die Managerin.

Neue Maßnahmen der AMA, die für mehr Tierwohl sorgen sollen:

Stimme aus dem Handel
Auch Billa-Chef Marcel Haraszti setzt auf vermehrte Kontrolle, um Missstände so gut wie möglich zu verhindern und das Vertrauen der Menschen in die österreichische Landwirtschaft nicht zu verlieren. „Alle Beteiligten entlang der Wertschöpfungskette müssen Verbesserungen in Angriff nehmen“, appelliert Haraszti auch an die Politik. Es braucht offenbar einen Skandal, damit sich etwas tut.

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Als erster Händler fordern wir eine rasche Systemänderung bis hin zu mehr gesetzlichen Kontrollen und mehr Transparenz.

Marcel Haraszti, Vorstand Rewe und Billa-Chef

Jeder hat es in der Hand
Aber nicht nur Landwirte, Transporteure, Schlachthofbetreiber oder der Handel sind in der Pflicht, sondern auch die Konsumenten. Denn mit jedem Griff ins Regal geben wir einen Produktionsauftrag. Eines ist Fakt: Nur ein Drittel der Betriebe fällt unter das AMA-Siegel. Der „Rest“ wird kaum kontrolliert! Minister Johannes Rauch (Grüne) hat vor Monaten einen Gipfel dazu abgehalten, aber bis dato ist nichts passiert.

Nur eine Frage der Zeit
Traurig, aber wahr, der nächste Tierschutzskandal - ob im Stall, beim Transport oder am Schlachthof - wird leider nicht lange auf sich warten lassen. Dann aber sollte auch die Politik endlich reagieren!

Das tägliche Leid bei Tiertransporten
Hunger, Durst, Hitze und gebrochene Glieder. Jährlich müssen mehr als 1,5 Milliarden Geflügeltiere und mehr als 49 Millionen lebende Rinder, Schweine, Schafe und Ziegen diese Strapazen bei Transporten über sich ergehen lassen. Hunderte Kilometer legen sie grenzüberschreitend innerhalb der EU sowie in und aus Drittstaaten zurück. Das Leid der Tiere ist dabei enorm. Zudem werden Übertretungen auch noch schwach sanktioniert. Durch fehlende Kontrollen und ausbleibende Strafen wird gegen die bereits ohnehin viel zu lasche EU-Verordnung zum Schutz von Tieren beim Transport systematisch verstoßen.

Fehlende Kontrollen
Die wenigen Pausenzeiten und andere schwache Vorgaben zum Transport werden viel zu oft missachtet. Der Biobauer und grüne EU-Abgeordnete Thomas Waitz hat dieses Thema auf seiner Agenda ganz oben. Seine Kurzdokumentation „Tierleid auf Rädern“ zeigt die grausame Realität des globalen Agrarsystems und wie wichtig starke Tierschutzpolitik ist. In dem Kurzfilm fordert Waitz die Kommission auf, möglichst schnell einen Vorschlag für eine neue Tiertransportverordnung vorzulegen - allerspätestens aber Ende September, wie von Kommissarin Stella Kyriakides versprochen.

Den Lkw auf der Spur
In der Zwischenzeit muss die momentan gültige Tiertransportverordnung tatsächlich umgesetzt werden. Es braucht strengere Kontrollen und höhere Strafen. In der zukünftigen Tiertransportverordnung sollte indes festgehalten werden: kürzere Transportzeiten - maximal acht Stunden Transport unabhängig vom Transportmittel. Ein Stopp von Lebendtiertransporten von der EU in Drittländer, solange die Einhaltung der EU-Tierschutzbestimmungen dort nicht gewährleistet werden kann. Kein Transport von nicht abgesetzten, also von Ersatzmilch abhängigen Kälbern oder trächtigen Tieren im letzten Drittel der Tragzeit.

EU als Nachzügler
Auch Vier-Pfoten-Chefin Eva Rosenberg sieht die Politik gefordert: „Neuseeland hat vor Kurzem ein Tierschutzgesetz verabschiedet, das alle Lebendtiertransporte aus Neuseeland ab 30. April 2023 verbieten wird. Auch Australien geht bereits in diese Richtung. Da fragen wir uns schon: Wo bleibt die EU? Sie hat dieses Jahr die Chance, die Tiertransportverordnung deutlich zu verbessern und zu zeigen, dass ihr nicht nur Tierwohl wichtig ist, sondern auch die unzähligen EU-Bürger, die sich für ein Ende der Tierqual aussprechen.“

„Der Konsument hat sehr wohl Einfluss“ - Interview mit Hannes Royer, Bergbauer und Obmann „Land schafft Leben“:

„Krone“:Was sagen Sie zu den Tierschutzskandalen?
Hannes Royer: Schockierend, aber 99 Prozent der Bauern schauen sehr gewissenhaft auf ihre Tiere. Leider ist das verbleibende eine Prozent das, worauf der öffentliche Fokus gerichtet wird. Diese schwarzen Schafe machen uns anderen das Leben schwer, und wir müssen mit Vorurteilen kämpfen, obwohl wir uns an die gesetzlichen Standards halten.

Wo kann man ansetzen, was brauchen die Landwirte, damit sie besser agieren können?
Die Nachfrage bestimmt das Angebot - und die sieht momentan so aus, dass 42 Prozent des Fleisches im Supermarkt in Aktion gekauft werden. Die Konsumenten wollen also das Billigste vom Billigsten, verlangen aber gleichzeitig, dass auf höchstem Standard produziert wird. Das entschuldigt nicht, dass Gesetze missachtet werden. Nichtsdestotrotz bin ich überzeugt, dass weniger Fehler gemacht werden, wenn der Preisdruck geringer ist.


Kann man den Konsumenten für Tierwohl verantwortlich machen?
Der Konsument ist nicht für das Tierwohl verantwortlich, das ist ganz klar der Bauer. Er hat aber sehr wohl einen gewissen Einfluss darauf, wie produziert wird. Wer immer nur das Billigste kauft, fördert mit Sicherheit keine qualitativ hochwertige Produktion.

Maggie Entenfellner
Maggie Entenfellner
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